Von Hannah Schmidt, 24.08.2019

Neue Regeln?

Nachdem gegen den Opernsänger Plácido Domingo Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs und Machtmissbrauchs laut geworden sind, hat er Stellung bezogen. Er erkennt darin an, dass sich „die Regeln und Standards“ geändert hätten – wie bitte?

Es fing an mit # MeToo und ist ein Riesenerfolg: die Tatsache, dass dieses Thema, zu dem fast jede Frau in Gesellschaften der letzten 1000 Jahre Geschichten über Geschichten erzählen könnte, endlich in dieser Form diskutiert und debattiert wird. Dass es mittlerweile selbstverständlich ist, dass eine Frau einen Mann wegen solcher Übergriffe anzeigen kann, und dass sie ernst genommen wird. Dass ein Klaps auf den Po kein Scherz ist und die Frau humorlos, weil sie ihn nicht versteht – sondern dass es sich dabei um einen zu verurteilenden sexuellen Übergriff handelt. Weil der Körper eines Menschen nur ihm selbst gehört und nur ihm selbst zur Verfügung steht. Basta.

Jede unerwünschte Berührung durch einen anderen Menschen ist übergriffig – übrigens genauso das ungefragte Abknutschen und Betatschen eines Kindes, weil es ja ach so süß ist. Ist eine unerwünschte Berührung zudem sexuell aufgeladen, handelt es sich um einen sexuellen Übergriff. Das Ganze hat in dem Moment außerdem noch mit Machtmissbrauch zu tun, wenn sich der Übergriffige dem anderen gegenüber in irgendeiner Weise in einer Machtposition befindet.

Sie malten Bilder und warfen Speere.

Bei Frauen und Männern war genau das leider schon immer so, und es ändert sich erst nach und nach: Männer bestimmten den Lauf der Dinge, sie führten Kriege und schlossen Frieden, sie zogen Ländergrenzen und besetzten andere Kontinente, sie malten Bilder und schlugen Statuen, rannten um die Wette und warfen Speere, sie komponierten und musizierten, während sie es geschafft hatten, den Frauen genau das Jahrhundertelang zu verbieten. Erst seit etwas mehr als 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland überhaupt wählen.

Immer schon bekleideten Männer hohe Ämter und Führungspositionen, Frauen nicht oder kaum. Queens und Pharaoninnen waren die absolute Ausnahme in der Geschichte – und ihre Gräber und Pyramiden sind lange nicht so prunkvoll und groß wie die der Männer. Und selbst in diesem Jahr, in dem der Frauenfußball eine mediale Präsenz hat wie noch nie zuvor, ist dies Tatsache: Die weiblichen Fußballerinnen verdienen einen Bruchteil dessen, was ihre männlichen Pendants bekommen. Gleiches beispielsweise bei freiberuflichen Musikern und Musikerinnen. Was für eine traurige Message: Ihre Arbeit ist wirtschaftlich gesprochen einfach nicht gleich viel wert.

Frauen sind in diesem Denken verfügbares Gut, wie Milchkühe, die Milch geben, wenn sie schwanger sind.

Eine lange Vorrede, die tatsächlich eins bestätigt: Männer waren Frauen gegenüber immer in Machtpositionen. Auch wenn sie es heute nur noch in den allermeisten und nicht mehr in allen Fällen sind, so ist das Denken bei vielen doch nach wie vor festgeschweißt und furchentief gegraben: dass Frauen zu weniger fähig seien als Männer, dass sich ihre Macht allein in der Verführung äußere, dass sie als Gebärmaschinen für die Gesellschaft taugten, als Menschen jedoch körperlich und intellektuell lange nicht auf der gleichen Stufe rangierten. Sie sind in diesem Denken verfügbares Gut, wie Milchkühe, die Milch geben, wenn sie schwanger sind, und wenn sie nicht schwanger sind, geschwängert werden müssen, und zwar schnell, weil man ja Milch will. Dieses Denken äußert sich in Griffen unter Röcke, in unerlaubtem Duzen, Ignorieren, Belächeln, in geringerem Gehalt, abfälligem Tonfall, nebensächlichen Bemerkungen über die Kleidung und das Aussehen, in Feministinnenhass und Sexyness-Skalen.

Diese Welt war und ist noch immer so deutlich gefärbt, bestimmt, gelenkt durch das Denken und Handeln von einer Gruppe von Männern, die innerhalb dieses Weltbilds natürlich niemandem Unrecht tun, wenn sie einer Frau an den Arsch tatschen, ihr körperlich zu nahe kommen, sie unflätig angraben, befummeln oder gar vergewaltigen. Nun kann man natürlich sagen: Die Regeln in dieser Welt waren männergemachte Regeln, und innerhalb dieser Regeln war solches Verhalten völlig in Ordnung.

Es gab immer Unterdrückung. War das kein Verstoß?

Man kann aber auch sagen: Die Menschenrechte existieren in gedruckter Form zwar erst seit 1948, doch heißt das nicht, dass ihnen zuwider zu handeln in der Vergangenheit kein Verbrechen war. In den Frankfurter und Nürnberger Prozessen sind Naziverbrecher im Nachhinein verurteilt worden, obwohl das, was sie taten, zu der Zeit, in der sie es taten, abstruserweise legal war. Einzelne oder ganze Gruppen von Menschen sind, seit es Gesellschaft gibt, immer entrechtet gewesen. Es gab immer Diskriminierung und Unterdrückung. War das kein Verstoß gegen universelle menschliche Regeln? Eine Sache, die man bei längerem Nachdenken okay finden kann?

Da wir nun in Deutschland in einer Demokratie leben, haben sich deshalb also nicht etwa die Regeln geändert – sie werden einfach nur nicht mehr im selben Maß gebrochen und ignoriert. Frauen als allzeit verfügbare Körper zu betrachten, die dem Mann unterstellt sind und keine Widerworte geben dürfen, war vielleicht lange Zeit akzeptiert. Das heißt aber nicht, dass damals nicht auch schon die gleichen Regeln hätten geachtet werden müssen wie heute. Zu jeder Zeit gab es Frauen (und auch Männer), die dafür gekämpft haben.

Es geht nicht darum, blind Regeln zu befolgen, sondern darum, ihren Sinn zu verstehen.

Ob nun an den Vorwürfen an Domingo Wahres dran ist oder nicht: Das ist erst einmal egal. Doch wie er sich in seiner Stellungnahme geäußert hat, verständnisvoll darüber, dass sich die „Regeln und Standards, an denen wir heute gemessen werden – und auch gemessen werden sollten“, geändert hätten, zeigt, wie wenig er verstanden hat, worum es geht. Dieses Narrativ bedient ja nicht nur er: ‚Jetzt sind halt die Regeln anders, also spiele ich anders‘ – nicht aber etwa, weil man Grund und Inhalt der Regel nachvollziehen kann, sondern weil man sich, fast opferhaft, einer höheren Macht fügt, deren Entscheidungen man zwar nicht versteht, gegen die man aber auch nicht verstoßen will, weil dann Konsequenzen drohen (endlich!).

Der Punkt ist ein anderer: Es geht nicht darum, blind Regeln zu befolgen (oder den zur Regel erhobenen Bruch derselben). Das hat diese und andere Gesellschaften schon grausame Dinge tun lassen. Es geht darum zu verstehen, warum man verdammt nochmal kein Recht dazu hat, universale Regeln wie diese – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – zu brechen. Und dass Mann nie das Recht hatte, sie zu brechen. Vor 1000 Jahren nicht, nicht vor 500 oder 150 und auch heute nicht. Jetzt sind wir endlich an dem Punkt, an dem dieser Regelverstoß gerügt wird. Was aber das grundlegende Verständnis dafür angeht, da haben wir wirklich noch einen weiten Weg vor uns.

© Mikie Chai/pexels
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