Von Jesper Klein, 25.07.2019

Wachgeküsst

Mit der TauberPhilharmonie bekommt Weikersheim einen der modernsten Konzertsäle Deutschlands. Bringt der Bau neuen Schwung in die verschlafene Musikstadt? Das Programm verspricht musikalische Vielfalt. Ein Besuch zur Eröffnung

Ein erster Blick auf die TauberPhilharmonie

Zum ersten Mal sieht man sie von der kleinen Fußgängerbrücke über den Fluss aus: die TauberPhilharmonie. Der neue, moderne Konzertsaal im beschaulichen Weikersheim, im Main-Tauber-Kreis gelegen. Das ist vielleicht nicht surreal, für eine Kleinstadt mit rund 7500 Einwohnern aber ungewöhnlich. Was macht ein solches Haus in einer solchen Stadt? Viel los ist in Weikersheim an diesem Wochenende nämlich nicht. Auf dem Markplatz sind ein paar Stände und Biertische aufgebaut, ansonsten schläft Weikersheim. Wenn sich die Menschen überhaupt bewegen, so hat man den Eindruck, dann in Richtung der neuen Attraktion, die an diesem Samstag feierlich eröffnet wird: die TauberPhilharmonie, deren Name, analog zur Elbphilharmonie gebildet, von dem kleinen Flüsschen stammt, das hier am Haus vorbeifließt und das man besser nicht mit der Elbe vergleicht.

Die Philharmonie hat mit dem Superlativ-Bau aus dem hohen Norden selbstredend wenig gemein, auch nicht die Bauzeit von nur zwei Jahren. Vergleichbar ist sie vielmehr mit dem Innsbrucker Haus der Musik, das im vergangenen Jahr ähnlich feierlich eingeweiht wurde. Nachdem die alte Stadthalle insbesondere den Ansprüchen der Nachwuchsmusikerschmiede „Jeunesses Musicales“ nicht mehr genügte, steht in Weikersheim nun eine Spielstätte, wie sie sich wohl viele kleine bis mittelgroße Städte wünschen. Ein bisschen neidisch darf man sein auf den schicken holzverkleideten Konzertsaal mit der angeblich perfekten Nachhallzeit von 1,7 Sekunden. 600 Menschen finden hier Platz. Weniger eindrucksvoll, aber funktional: der Kammermusiksaal mit 200 Plätzen.

Alles aus Holz: der große Saal der TauberPhilharmonie

Vom Pianisten bis zur Techno-Band

Der gut 15 Millionen teure Bau wurde durchaus kontrovers diskutiert, erzählt Johannes Mnich, der Intendant des Hauses. Es gab die üblichen Diskussionen um das Geld, die Kosten blieben aber weitgehend im angepeilten Rahmen. Der Großteil der Bevölkerung stehe hinter dem Projekt. Jetzt bei der Eröffnung scheint es tatsächlich so, dass die Weikersheimer Bevölkerung, selbst wenn sie mit klassischer Musik nichts am Hut hat, das neue Schmuckstück ausgiebig von innen beschnuppert und begutachtet.

Zwar ist Weikersheim seit Jahren eine Musikstadt, in der besonders für Radtouristen reizvollen, aber etwas entlegenen Region lebt jedoch nicht wie in größeren Städten ein von Natur aus klassikbegeistertes Konzertpublikum, das eine zumindest halbwegs gute Auslastung garantiert. Für Johannes Mnich ist die Marschroute klar: Für den Eröffnungssommer hat er buntgemischt Konzerte zusammengestellt, auch in Zukunft wird man hier ein breites Programm zu hören bekommen. „Vom Liederabend bis zum Orchester, vom Pianisten bis zur Techno-Band, vom italienischen Schlager bis zum Sommerball.“ So Mnichs Worte.



Startschwierigkeiten und Berührungsängste

Bei der Eröffnung wird en miniature dieser Geist eines weiten Kulturbegriffs mit einem breit aufgestellten Programm deutlich, das sich nicht auf Klassik beschränkt. Mit dem „Orchester im Treppenhaus“ ist ein Ensemble zu Gast, das sich Musikvermittlung durch ungewöhnliche Konzertformate auf die Fahnen geschrieben hat. Über eine App kann das Publikum beim Dating-Konzert nach den eigenen Vorlieben abstimmen und wird in der zweiten Hälfte mit dem vermeintlich passenden Kammermusik-Konzert verkuppelt.

Ich habe ein Date mit Schubert.

Dass das WLAN-Netz in solchen Situationen natürlich nicht reibungslos funktioniert, erschwert die Suche nach der großen musikalischen Liebe. Ich habe ein Date mit Schubert. Und eine gewisse Skepsis scheint es zu geben, denn ein Teil des Publikums möchte trotz freundlichster Einladungen der Musiker partout nicht beim Streichquartett 117 auf der Bühne Platz nehmen und verkrümelt sich lieber in die hinteren Reihen. Startschwierigkeiten und Berührungsängste, nicht weiter schlimm. Bei der tanzbaren Orchestermusik am Abend ist die Stimmung gelöst und der Beifall groß. Der Intendant tanzt mit.

  1. Sitzen vier Musiker zusammen und spielen … nein, nicht Karten, sondern ein Quartett. Die kleine Form ist flexibel und klingt trotzdem ausgewogen. Vor allem das Streichquartett gilt unter Komponisten als Königsdisziplin. Viele nutzten sie als Experimentierwerkstatt, in der sie bahnbrechende Ideen im Kleinen ausprobieren konnten. (AJ)



An diesem Wochenende ist Johannes Mnich der gefragte Mann, sein Team überschaubar groß. In unserem zehnminütigen Gespräch draußen vor der Philharmonie wird klar, dass Mnich sich einiges von diesem ungewöhnlichen Projekt erhofft. „Ich finde es faszinierend, weil hier der verbindende Charakter von Kultur im Mittelpunkt steht. Es ist ein Haus für alle – jeder, der das Programm liest, wird etwas finden“, sagt Mnich. „Gerade in der heutigen Zeit finde ich es wichtig, dass man sich nicht verschließt und der vermeintlichen Elfenbeinturm-Diskussion keine Nahrung gibt.“

„Ich habe eine nerdige Schwäche für Streichquartett und Kunstlied.“

Johannes Mnich, Intendant der TauberPhilharmonie

Warum es überhaupt eine Philharmonie in Weikersheim braucht? „Ich glaube, dass es etwas Besonderes ist, an einem Ort wie diesem ein Konzerthaus zu haben und wirklich einen aktiven Mehrwert für die Bevölkerung bringen kann.“ Worin dieser Mehrwert schließlich liegt, muss sich zeigen. Dass durch die TauberPhilharmonie auch Kulturtouristen aus dem Umland nach Weikersheim kommen und somit auch die Tourismusbranche vom neuen Konzerthaus profitiert, ist gut vorstellbar. Bei aller programmatischen Vielfalt ist für Mnich klar, dass die Klassik eine wichtige Rolle spielen wird: „Ich bin nun mal studierter Pianist und ich habe eine nerdige Schwäche für Streichquartett und Kunstlied 131 – das wird es immer geben. Auf der anderen Seite will ich ganz bewusst die Bevölkerung mitnehmen. Ich möchte zeigen, dass Musik, egal welcher Art, für jeden eine Relevanz haben kann“. Schlussendlich muss die TauberPhilharmonie ihr Profil erst finden.

  1. Welche Arroganz! Kunstliedern wird nachgesagt, dass sie anspruchsvoller und erhabener sind als Volkslieder. Letztere funktionieren über das Prinzip Stille-Post, Abwandlungen im Laufe der Zeit inklusive. Kunstlieder umfassen alle Zeiten, the-time-of-the-time war im 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Kunstlieder sind niedergeschrieben, der Autor des Textes hat eine ebenso große Bedeutung wie auch der Komponist. Endlich einmal ausgleichende Gerechtigkeit! (CW)

Das Programm der TauberPhilharmonie

Noch bis Ende September läuft der Eröffnungssommer der TauberPhilharmonie mit einem bunten Programm. So kommen unter anderem Igor Levit (15.8), Bodo Wartke (8.9.) und Götz Alsmann (30.9.) nach Weikersheim, die Gala-Eröffnung findet am 14. September mit dem Bundesjugendorchester statt. In der ersten regulären Spielzeit setzt sich diese Idee fort. Das Programm bleibt mit Gästen wie dem Royal Prague Philharmonic Orchestra (16.11), Ulrich Tukur (10.12.) oder dem vision string quartet (19.3.) denkbar breit aufgestellt.

Dass im Eröffnungssommer jede Kommune im Main-Tauber-Kreis, von Freudenberg bis Creglingen, Pate für ein Konzert steht, sendet gute Signale. Und Mnich hat eine klare programmatische Idee vor Augen. Das ist reinen Klassiknerds vielleicht zu wenig, anderen womöglich schon zu viel. Auf diesem Grat wird das Haus in den kommenden Jahren wandern müssen. Mnich jedenfalls ist Feuer und Flamme: „Als die Entscheidung getroffen wurde, die TauberPhilharmonie zu bauen, wurde groß gedacht – es ist ein Projekt, was hoffentlich diese Region auf die nächsten Jahrzehnte prägen kann.“ Für die Nachwuchsmusiker der „Jeunesses“ ist dieser toll klingende Saal ein Glücksfall. Die marketinggetriebenen Superlative, mit denen etwa die Konzerte von Igor Levit und Elisabeth Brauß im Programmbuch beide als Sternstunden angepriesen werden, mag man mit einem leichten Augenrollen verzeihen. Zum Auftakt tiefstapeln, das wäre ja merkwürdig.

© Hero und Innenaufnahme: TauberPhilharmonie
© Außenaufnahme im Fließtext und Kachel: Jesper Klein


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