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Von Christopher Warmuth, 19.05.2017

Kampf für die Utopie

Während die großen Major-Labels immer tiefer in den Sumpf gezogen werden, marschieren neue, konzeptionell anders arbeitende Label am Wegrand vorbei. Warum? Weil sie auf Kooperation statt auf Konkurrenz setzen.

„Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, wäre es nicht wert, dass man einen Blick auf sie wirft, denn in ihr fehlt das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet.“

Oscar Wilde

Wer als Künstler eine neue Platte aufnehmen will, erfährt bitterschnell, dass Einspielungen eigentlich nur eine sündhaft teure Visitenkarte sind. Selbst die ganz Großen verdienen kaum Geld mit ihren Studiorecordings, dafür steigt aber mit diesen die Auftragslage für Livekonzerte exponentiell. Daher leidet bei den Major-Labels häufig die Qualität, Künstlerinnen und Künstler müssen lange über Verträge streiten, die vor allem mit Blick auf den kommerziellen Verkauf mit musikalisch unsinnigen Regeln gespickt sind. Es gibt Rahmenverträge über drei Einspielungen: eine Hardcoreplatte, also „eher“ sperriges Programm, ein Schlachtross, also absolutes Kernrepertoire, und dann die Häppchenscheibe, bunt Gemischtes, ohne Sinn und Verstand zusammengeschustert. Odradek Records, ein noch junges Label, das in den USA gegründet wurde und jetzt seine Zelte in Europa aufschlägt, bricht den starren Entstehungsprozess von CDs auf, kämpft für die Utopie: Musik aufnehmen ohne Marktabhängigkeit. Zwei Genres sind unter dem Dach vereint: Jazz und Klassik. Die Produktions- und Vertriebskosten werden so klein wie möglich gehalten, der Rest geht ausschließlich an die Musiker: Odradek kämpft für den Künstlererlös.

niusic: John Anderson, du hast das Label 2012 gegründet und von vorneherein einen unkonventionellen Abstimmungsprozess vor jeder Einspielung festgelegt. Von einem Künstlergremium wird über ein Demo abgestimmt, ihr hört nur die Musik, sonst wisst ihr nichts. Erst dann entscheidet ihr, ob eine Aufnahme bei euch im Label möglich ist. Wollt ihr euch selbst vor Vorurteilen schützen?

John Anderson: Ja! Ich will auf keinen Fall, dass ich meinen eigenen Stereotypen verfalle. Ich will nicht wissen, ob Männlein oder Weiblein da gerade spielt, ob ich die Person vielleicht schon kenne, ob sie bekannt ist, ob sie vermarktbar ist. Ich will Musik hören, die Musik ist, Musik ist, Musik ist.

niusic: Und dann wird entschieden?

Anderson: Ja. Das Demoband entscheidet, sonst nichts.

niusic: Im Untertitel steht bei euch „Ein Label von Künstlern, für Künstler“. Pina Napolitano, du bist Pianistin, ist es nicht ein wenig vermessen, zu denken, dass du als Künstlerin die Arbeitsprozesse von studierten Betriebswirtinnen genau so gut beherrschst?

Pina Napolitano: (lacht) Ich habe kein BWL studiert. Das stimmt. Aber das hindert mich nicht daran, mich mit dem betrieblichen Entstehungsprozess auseinanderzusetzen. Außerdem haben wir da Hilfe. Es geht mir vor allem darum, dass ich genügend Künstlerinnen kenne, die von Labelentscheidungen immer verärgert waren, weil die an unserem Produkt, an der Musik, vorbei entschieden haben. Das muss minimiert werden.

niusic: Wie unterscheiden sich denn eure Platten von denen der herkömmlichen Labels?

Anderson: Wir schließen kein Repertoire aus, Altes und Neues kann bei uns nebeneinander existieren, ohne in Konkurrenz zu treten. Es kommt darauf an, dass der Künstler oder die Künstlerin das auch wirklich aufnehmen will.

Napolitano: Ganz ehrlich, wie sollte das auch anders wirklich funktionieren? Wenn dir jemand diktiert, was du in deiner Leidenschaft zu arbeiten hast, obwohl du so viel Geld für eine eigene Platte zahlst, dann wird das nicht Fisch und nicht Fleisch.



niusic: Selbst bei Major-Labels soll es ja vorkommen, dass man einen Betrag für seine eigene Platte zahlt. Sobald eigenes Kapital drinsteckt, denkt man doch automatisch an die Zahlen ...

Anderson: Nicht wirklich. Bei uns wird nicht mit Prozentgewinnen gehandelt. Es gibt einen Betrag, den eine Einspielung kostet, da sind wir im unteren Rahmen, damit ist aber bereits alles gedeckt: von der Einspielung bis hin zum Vertrieb und zum Marketing. Das ist keine Mogelpackung.

Napolitano: Im Vergleich hält es sich wirklich in Grenzen, weil mit offenen Karten gespielt wird und wir alle für die gleiche Sache kämpfen. Wir sind Interessenvertreter, die gemeinsam versuchen, ihr Interesse adäquat zu vermarkten. Der Inhalt bleibt aber an erster Stelle. Das wissen die Musikerinnen und Musiker auch von Anfang an.

niusic: Warum eigentlich noch gepresste CDs, wenn doch eh alle über Spotify & Co. hören?

Napolitano: Ich will etwas Besonderes in der Hand haben, es soll kein flüchtiger Klick sein. Wir wollen nicht das Rad des Verkaufs neu erfinden. Es geht eher darum, sowohl Physischen als auch Onlineverkauf der Musik zu verbinden.

niusic: Wer lädt denn bitte Klassik im Netz herunter?

Anderson: Keine Ahnung. (lacht) Also ich bin es nicht. Aber ein Drittel unserer Einnahmen kommen daher. Es gibt mehr Leute, als man glaubt. Wer diese Menschen sind, ist reine Spekulation für mich. Ich wundere mich selbst darüber.

niusic: Sorry für die Grundsatzfrage. Wenn ich Künstler wäre, würden mich Einspielungen relativ wenig interessieren, mir wäre das Live-Erlebnis extrem wichtig ...

Napolitano: Das sagt der Musikkritiker. (lacht) Überlege mal, deine Texte würden nicht gedruckt werden, sondern nur einmal vorgelesen. Glaub mir, du sehnst dich bei einem künstlerischen Produkt auch danach, es festzuhalten. Es bleibt dabei aber eine Momentaufnahme. Eine Platte kann keine Wahrheit sein, aber auch Unwahrheiten sind verdammt interessant und spannend. Und ich kann im Vergleich zum Konzert einfach intellektueller arbeiten, mehr an der Musik arbeiten, schneiden, verbessern ...

niusic: Und dann wird die Platte tot, weil alles überperfekt ist ...

Napolitano: Die Gefahr besteht. Aber der muss man sich stellen, das gehört auch zum Künstlerdasein dazu. Und es ist im Übrigen sehr spannend, genau zu verstehen, was gute, emotionale Musik ausmacht. Das hilft mir auch für Konzerte.



niusic: Warum machen das eigentlich nicht die großen Major-Labels?

Anderson: Weil es zu mühsam ist. Das kostet Zeit und Nerven. Und vor allem würde es Selbstkritik voraussetzen. Das sind ja Apparate, die über die Jahre derart bürokratisch angewachsen sind, dass man erst einmal ganz viel Struktur abbauen müsste. In einer Lage, in der eh alle Angst haben, dass sie nichts mehr wert sind, wäre das eine Katastrophe für einen Betrieb. Ich bin kein Unternehmensberater. Aber ich könnte dort nicht arbeiten als Künstler.

niusic: Was sagt euch denn ein Unternehmensberater in zehn Jahren?

Anderson: Dass wir mit unserer Grundidee richtig lagen. Dass die Leute gute Musik immer noch hören wollen. Und dass wir mehr Profit machen könnten.

niusic: Hä? Das widerspricht doch dem Prinzip von euch?

Anderson: Ja, wenn mir ein Unternehmensberater das sagt, würde ich hoffentlich dankend ablehnen. Und lieber gute Musik machen.


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