Von Hannah Schmidt, 07.05.2019

Stadt, Land, Bach

Zu den Wirkungsorten Johann Sebastian Bachs fällt den meisten wohl als erstes eine Stadt ein: Leipzig. Hier komponierte er immerhin den Großteil seiner über 1200 Werke. Seine Wurzeln aber liegen in Thüringen, wo heute ein Bachfest das nächste jagt. Ein Besuch bei dem größten unter ihnen, den Thüringer Bachwochen.

Wenn man die Georgenkirche am Marktplatz in Eisenach betritt, kann es passieren, dass man sich kurz erschreckt. Wie ein monströser Schatten beugt sich von der rechten Wand im Vorraum aus eine Gestalt über die hereinschreitenden Besucher, die trotz der Offensichtlichkeit, wen sie darstellen soll, erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist: ein schwarzbronzener, meterhoher Johann Sebastian Bach mit ernstem Blick und dozierend ausgestreckter rechter Hand. Ein germanischer Held, tonnenschwer und glänzend.

Der Berliner Bildhauer Paul Birr schuf einige solcher Denkmäler, von denen dieses aus dem Jahr 1939 aber nicht so richtig an den Ort zu passen scheint, an dem es steht. Als Johann Sebastian Bach nämlich an diesem für die Eisenacher so bedeutenden ersten Mal die Georgenkirche selbst von innen sah, womöglich noch verschwommen, war er gerade zwei Tage alt, ein hilfloses Baby und nie weiter davon entfernt, zu einem Teutonen wie dem im Eingangsbereich zu werden.
Der originale Taufstein ist nur ein paar Schritte entfernt von der Statue. Es ist der Stein, über den seine Mutter oder sein Vater oder beide in einem Gottesdienst am 23. März 1685 ihren winzigen Sohn halten mussten, damit, wie schon damals in der evangelisch-lutherischen Kirche üblich, ein Geistlicher ihm Wasser über den Kopf gießen konnte. Babys fangen dabei meistens an zu weinen oder zu schreien, der kleine Johann Sebastian vielleicht ja auch. Man wird ganz andächtig, wenn man vor diesem Stein steht.

Bei den Thüringer Bachwochen fanden auch in dieser Kirche Konzerte statt, direkt am Eröffnungstag ein „Geburtstagskonzert“ mit dem A-Cappella-Ensemble Slixs, das sich am Taufstein gruppierte, später spielten Gli Angeli Genève und Cappella Amsterdam. „Für viele Künstler“, sagt Christoph Drescher, Intendant und Leiter des Festivals, sei es „eine spirituelle Erfahrung“, an den historischen Orten Bach zu spielen. „Man fragt sich dann, wie die Musik heute wäre, wenn es Johann Sebastian Bach nicht gegeben hätte.“
Über die Festivalzeit von etwas mehr als drei Wochen hat Drescher dieses Jahr 54 Konzerte an 37 Orten organisiert, die meisten darunter sind historische Stätten oder irgendwie von historischer Bedeutung für Bach und die Bach-Familie. Sie abzufahren, an ihnen Konzerte zu hören ist wie eine Spurensuche in den ersten Lebensjahren des Komponisten, über den wir heute ja noch immer fast nichts Persönliches wissen, weniger „als über das Privatleben irgendeines anderen großen Komponisten der letzten 400 Jahre“, wie John Eliot Gardiner schreibt.

Die Straße, in der Bachs Geburtshaus stand

Selbst Bachs Geburtshaus ist in Eisenach nicht auszumachen. „Irgendwo hier“, sagt die eigentlich alleswissende Stadtführerin Ende April in einer schmalen Straße, „muss es gewesen sein.“ Während man vor einigen Jahren noch das falsche Haus für das Geburtshaus hielt und darin Menschen durch Ausstellungen führte, wurde das richtige wohl abgerissen. Und weil man ja selbst nicht einmal genau wusste, wie Johann Sebastian Bach aussah (es gibt wirklich nur dieses eine berühmte Gemälde), grub man 1894 in Leipzig seine Gebeine aus und analysierte sie – heute ist ein Abdruck des Schädels und ein Video der forensischen Gesichtskonstruktion aus dem Jahr 2008 im aktuellen Bachhaus in Eisenach anzusehen. Nur ein Stück die Straße rauf, in der das echte Geburtshaus gewesen sein muss. Es ist fast gespenstisch. Bach, der Mythos, der hier durch die Straßen schleicht.

Als ringe man darum, wer hier den größten und bedeutendsten Anteil an Johann Sebastian und seinem Schaffen haben darf.

Die kleinen thüringischen Städte sind so stolz darauf, in seinem weitgehend unbekannten Lebenslauf eine Rolle gespielt zu haben, dass sie eigentlich alle kleine Bachfeste, Events und Konzertreihen veranstalten: das Bachfest Eisenach, das Bach-Festival Arnstadt, die Bach Biennale Weimar, die Bachtage Ohrdruf, um nur ein paar zu nennen – aber darüber prangen Leipzig und Dresden mit ihren viel berühmteren Festivals. Ein bisschen scheint es, als ringe man fast darum, wer hier den größten und bedeutendsten Anteil an Johann Sebastian und seinem Schaffen haben darf: Ist die Thomaskirche DER Ort, weil er schließlich dort selbst wirkte und spielte? Oder ist es nicht viel spannender, seine Musik da zu hören, wo sie allenfalls als ferne Ahnung in der Luft lag, wo er getauft wurde, heiratete, seine ersten Unterrichtsstunden hatte oder gar wegen „Halsstarrigkeit“ vier Wochen im Gefängnis saß (1717, Weimar, wahrscheinlich „irgendwo hier“)?

Karte: Johann Sebastian Bach in Thüringen

Hier haben zumindest die Thüringer Bachwochen den Vorteil, dass sie nicht nur auf eine dieser vielen Stationen beschränkt sind, und im Grunde alles abklappern können, was bachtechnisch in der Gegend spannend ist. Fast jeden April-Abend seit 14 Jahren also setzt sich Christoph Drescher in seinen schwarzen Volvo und fährt vom einen Konzert zum nächsten, schüttelt Hände, baut Notenständer auf und schleppt Podeste. Im Team sind sie nur zu fünft, alles Freiberufler, aber für diese paar Wochen sitzen sie täglich in der ersten Etage eines dieser uralten Häuschen in der kleinen Gasse Via Regia in Erfurt zusammen und hören die ganze Zeit Bach. „Nicht, weil wir meinen das zu müssen“, sagt Drescher. „Sondern weil diese Musik die einzige ist, die wir alle wieder und wieder und wieder hören können.“ Bach habe unerschöpflich viel zu erzählen, „und zwar auch heute“.

Christoph Drescher

Die Idee, an den historischen Orten auch auf historischen Instrumenten oder in historischer Aufführungspraxis zu spielen, liege nahe, jedoch „mit einzelnen Ernüchterungen aufgrund der Orte“, sagt er – schlechte Akustik oder Eiseskälte in nicht beheizbaren Räumen beispielsweise (aber auch das sei ja irgendwie historisches Flair). Doch das ist erklärterweise kein Schwerpunkt des Festivals, Alte-Musik-Festivals gebe es immerhin haufenweise. Also spielen die Cembalistin Maude Gratton und Gambistin Romina Lischka ihre detailfeinen Sonateninterpretationen hier genauso wie John Kameel Farah mit seiner Elektronik und Dauerbeat unter den Präludien. „Es macht mir Spaß, die Ohren offen zu halten“, sagt Drescher. „Bach war immer eine große Inspirationsquelle für Künstler, für die etablierten und genauso für abwegige Popkulturen.“
Er sei der „Bodensatz“ aller Konzerte hier, mit denen Drescher immerhin 18.000 bis 20.000 Menschen pro Jahr erreichen will, dieses Jahr kamen rund 17.700: die begeisterten Nischenliebhaber, die einer Cembalistin hinterherreisen, und die Rentner, die ihre Nachbarorte entdecken, vor allem aber Touristen (etwa 60 Prozent) jeden Alters. Bei einem der größeren Konzert dieses Jahr, das des MDR-Sinfonieorchesters Ende April unter Leitung von Brad Lubman, bleiben trotzdem die vorderen fünf Reihen quasi leer, was allen Beteiligten unangenehm aufstößt. Trial and Error, auch nach langer Intendanz noch. Der Versuch war es jedoch offenbar wert – wer kam, applaudierte stehend.

Nun ensteht bei den Bachwochen durch die räumliche und zeitliche Entzerrung der Konzerte aber nicht unbedingt das Gefühl, alles müsse unbedingt viel miteinander zu tun haben. Das Werben an so vielen Orten, sagt Drescher, sei eben auch schwer, ein Zentrum scheint man zumindest zum Plakatieren ein bisschen zu vermissen. Und von Festivalmottos, die das ganze Geschehen thematisch zusammenhalten, sei er ohnehin kein großer Fan. Dass es dieses Jahr eine Reihe zum Thema Bach und Bauhaus gibt, liege daran, dass man dem Jubiläum nur „schwer ausweichen“ könnte. „Bach, der Konstrukteur“ mit Konzerten im Audimax der Bauhaus-Universität oder dem Bauhaus-Museum Weimar funktioniert als Konzept dennoch ganz gut, die Veranstaltungen waren gut besucht, teils sogar ausverkauft. Bach als große Schlaufe reicht (und ist tatsächlich ergiebig genug).

Man bekommt das Gefühl, dass diese Musik doch eigentlich nie wirklich aufgehört hat.

So steht man also in der 11,5 Grad kalten Kirche Divi Blasii im abendlichen Mühlhausen, sitzt unter der niedrigen Holzdecke im Bachhaus auf gepolsterten Stühlen, hört Leute wie Kristian Bezuidenhout, Pierre-Laurent Aimard, Elina Albach und Víkingur Ólafsson, das Stegreif-Orchester, FourTimesBaroque und das Schumann Quartett, sieht Papiertheater und Tanz und dazwischen ganz viel Landschaft. Man bekommt an diesen einfachen, oft schmucklosen Alltagsorten das Gefühl, dass diese Musik doch eigentlich nie wirklich aufgehört hat. Es ist Musik zum Gemachtwerden, einfache und geniale Musik für einen Menschen, zwei, zwanzig oder fünfzig, sie ist realisierbar, ohne allzu großen Aufwand, nichts, was überwältigen will wie die vielen schwarzen und steinernen, moosigen und verwitterten Monsterstatuen ihres Schöpfers.

Bach ist, das spürt man irgendwie durch die unterschiedlichen Konzertkontexte umso stärker – Bach ist Gebrauchsmusik. Funktional und programmatisch, leidenschaftlich und routiniert und dadurch nicht weniger großartig. Dass seine Musik scheinbar von sich aus gespielt und gehört werden will, das spürt man bei Elena Zemanova (Barockvioline) und Francesco Romano (Laute), bei Elina Albach und ihrer minimalisierten Johannespassion, oder eben, wieder, bei Maude Gratton und Romina Lischka. Die beiden jungen Musikerinnen änderten nach der Pause nämlich spontan das Programm, besprachen sich kurz flüsternd und blätterten dann in ihren zerfledderten, teils zerrissenen, dünn gewordenen Noten vor und zurück. Sie legten los, und für einen Moment wurde einem bewusst, wie unterhaltend und leicht Bach sein kann, wie vorabendromantisch und blockbusterspannend, also wie menschenverbindend diese Musik in so einem kleinen, alten, leisen Raum plötzlich ist. Lischka und Gratton hätten wohl noch stundenlang weiterspielen können, an diesem Ort. Vergesst die Statuen und Monumente, denn im Gegenteil: Hier im Kleinen und Unaufdringlichen kann man Bach, dem, der alles immer nur Gott gewidmet hat, vielleicht kaum gerechter werden.

© Kora27, Wikimedia Commons/CC-BY-SA 3.0
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