Von Hannah Schmidt, 16.02.2019

Musik in echt

Vergangene Woche hat das Kölner Musikhaus Tonger seine Insolvenz verkündet. Damit droht nicht nur Köln eine Institution verloren zu gehen – sondern der ganzen Branche und der Musik an sich.

„Ich muss euch heute eine traurige Nachricht mitteilen.“ So beginnt der Text, der auf der Webseite des Musikhauses Tonger erscheint. Kein Menü mehr, keine Bilder, keine Preise. Stattdessen: „Wir mussten am 28.12.2018 leider einen Insolvenzantrag stellen und schließen unsere Pforten am 27. oder 28.02.“ Die Ankündigung des Ausverkaufs.
Nur wenige Tage, nachdem die Betreiber der Seite diesen Text veröffentlichten, geht unter der telefonischen Hotline schon niemand mehr ans Telefon. „Entweder sind alle Arbeitsplätze belegt, oder Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an“, sagt stattdessen eine freundliche, etwas scheppernde Männerstimme. Den ganzen Donnerstag lang. Natürlich kann es auch sein, dass zahlreiche Menschen tatsächlich die Leitungen belegen. Vielen wird nach der Verkündung nicht nur in Köln das Herz in die Hose gerutscht sein. Doch türmen sich die Fragen angesichts der Situation, vor allem: Wie konnte das überhaupt passieren?

Tonger! 1822 gegründet, 2018 mit 15 Prozent Marktanteil unterwegs. Generationen von Musikern, Hörern und Wissenschaftlern, die hier teilweise Stunden versunken zwischen den Tischen und Regalen verbrachten, ganze Tage auf der Suche nach dem richtigen Instrument, mit einem Arm voller Noten auf die Zeughausstraße hinaustraten.
Beethoven hat hier eingekauft! Jacques Offenbach, Max Bruch! Später Wilhelm Backhaus, Zarah Leander, der Violinist Frank Peter Zimmermann, Chilly Gonzales. Und Hinz und Kunz aus Merkenich, Porz und Ehrenfeld. Eigentlich hat jeder, der irgendwie mit Musik zu tun hat, auch schon mit Tonger zu tun gehabt – und zwar international.

Der Onlinehandel ist wie Treibsand.

Und trotzdem ist diese Insolvenz des Musikhauses nicht die erste. Der jetzige Geschäftsführer Thomas Giel rettete Tonger schon vor vier Jahren aus einer mindestens ebenso großen Krise, indem er den Onlinehandel einführte und ausbaute. Im Gespräch mit WDR5 sagte er am Donnerstag, eigentlich hätte es nur ein Jahr mehr Zeit gebraucht, dann hätte dem Unternehmen der sinkende Vor-Ort-Umsatz nicht mehr viel anhaben können.
Der Onlinehandel ist wie Treibsand. Eigentlich hat ein Einzelhändler kaum eine Möglichkeit, sich ihm zu entziehen – und befeuert durch das Mitmachen den Mechanismus, der ihn einst dazu zwang, ebenfalls einzusteigen. Dabei ist Onlineverkauf die Methode, die dem, wofür Tonger immer stand und noch steht, nicht im Geringsten gerecht wird: nämlich die Beratung der Besucher vor Ort.

„Es hat für mein Gefühl exponentiell zugenommen“, sagte Giel im WDR, „dass manche Kunden sich eine bis zwei Stunden beraten lassen, und kaufen das Instrument dann woanders, wo es fünf Prozent billiger ist – im Internet.“ Dabei hat Tonger schon kostenlose Jahreschecks von Instrumenten angeboten, oder beispielsweise Instrumente für Kinder wieder in Zahlung zu nehmen, wenn sie zu klein geworden sind. Was ist es, das uns immer wieder dazu bringt, am Ende doch online zu kaufen und uns die Dinge, für die wir uns schon entschieden haben, per Post zuschicken zu lassen, statt sie einfach mitzunehmen? Der Geldbeutel, wie Giel vermutet, ist wahrscheinlich nicht der alleinige Grund.

Im Geschäft etwas zu kaufen, fühlt sich endgültiger an.

Vielmehr ist es wohl eine Mentalität, eine ziemliche Arroganz, um ehrlich zu sein, die wir uns als Einzelhandels-, als Musik-Kunden über die Jahre angewöhnt haben: Am Ende eines langen Beratungsgesprächs dann doch innerlich noch einmal die Nase zu rümpfen und nach Hause zu gehen mit dem Gefühl, vielleicht finde ich doch noch etwas Besseres. Klar, es ist unter Umständen auch nur einen Klick entfernt. Im Geschäft etwas zu kaufen, fühlt sich viel endgültiger an als flackernde Pixel anzuklicken und die Karte oder das Bargeld dafür nicht einmal anfassen zu müssen. Natürlich ist ein Onlinekauf auch ein Kauf – aber er passiert so subtil wie der Klick auf das X, wenn einem der angefangene Film doch nicht so gefällt, wie man vermutet hatte.

Onlinekauf ist wie ein Spiel. Ziemlich indirekt. Und in der Empfindung viel unverbindlicher als das „Ja“-Sagen mit der eigenen Stimme, einem anderen Menschen ins Gesicht, das Händeschütteln, die verstreichenden Sekunden, während der Verkäufer die Bezahlung vorbereitet, einen anschaut und den Preis nennt. Wie oft hat man dagegen online schon minutenlang auf den „Jetzt kaufen“-Button gestarrt, während im Hintergrund schon die Kreditkarte verifiziert war und das System nur noch diese eine stumme, blinde Bestätigung brauchte. Und wie oft hat man sich dann doch für das X entschieden.

Musik ist nicht körperlos

Tonger als Musikalien-Einzelhandel steckt mitten in diesem Nerv. Keine Kunst hat sich in den letzten sechs Jahren so verallgegenwärtigt, so digitalisiert wie die Musik. Sie schwirrt um uns herum, mit solcher Penetranz, dass man fast geneigt ist zu vergessen, dass sie keineswegs körperlos ist. Sie wird von Menschen gemacht, die Instrumente bedienen, die einen Raum brauchen, um zu klingen. Andere Menschen haben sich diese Musik ausgedacht und niedergeschrieben und damit uns hinterlassen. Der Schall ist so greifbar, dass er sogar unmittelbar schmerzhaft sein kann. Eine Schallplatte, eine CD, ein Notenheft, Instrumente in einem Geschäft sind immerhin noch anfassbare Gegenstände. Sie erinnern uns in ihrer Form und Existenz an das physische Wesen der Musik, das zu verstehen wichtig ist, um Musik überhaupt verstehen zu können.
Tonger ist ein Bollwerk der physischen Musik, immer gewesen. Noch, sagt Giel, hoffe man, jemanden zu finden, der den Laden kauft und aus der Insolvenz rettet. Ein zweites Mal. Ja, bitte! Und dann hoffentlich für deutlich mehr als vier Jahre – in denen wir uns wieder vermehrt trauen können, „in echt“ Musik zu kaufen.

© pixabay


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