Von Hannah Schmidt, 04.12.2018

Begleitung gesucht

Ein Erlanger Startup will Musiker neu miteinander vernetzen: Auf der Plattform AccompaMe kann man selbst eingespielte Begleitungen, Arrangements und Kompositionen hochladen und zum Kauf anbieten – für andere Musiker. Eine Marktlücke?

So wirklich gut auffindbar ist die Plattform AccompaMe in der Suchmaschine noch nicht. Was mögen Musiker eingeben, die die Aufnahme einer Klavierbegleitung suchen? Vielleicht: „Schubert Forelle Begleitung Klavier“. Viel YouTube, Notendownloadmöglichkeiten, Wikipedia-Infos, jedenfalls keine Aufnahme einer Begleitung. Oder: „Alban Berg Nachtigall Begleitung Klavier“? Selbes Spiel. Keine Spur von AccompaMe, der Plattform, die seit Ende November genau das anbietet: Begleitungen von Musikern für Musiker. Gründer Gabriel Gomez hat sich vor einigen Jahren, wie er erzählt, selbst auf diese Weise dumm und dämlich gesucht. Auch nach Schubert, auch nach einer Klavierbegleitung. Das war der Auslöser für sein Projekt. Somit ist AccompaMe – was „Begleite mich“ bedeutet – zumindest für das durch Google abgebildete deutschsprachige Netz eine Neuheit. Gomez sagt, sogar weltweit. Nur Anfang Dezember 2018, kurz nach dem offiziellen Launch, ist ihre Existenz irgendwie noch nicht in der Suchmaschine angekommen. Es ist wohl noch zu früh dafür.

Sechs verschiedene Versionen zu Mendelssohns Terzett „Hebe deine Augen auf“

Die rund 80 Nutzer, die bisher schon Aufnahmen und Noten hochgeladen haben, müssen auf anderen Wegen dort gelandet sein. Da ist zum Beispiel cri.bran76, die oder der zu Claude-Paul Taffanels Fantasie über „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber eine virtuose Klavierbegleitung zur Solo-Flötenstimme hochgeladen hat (in den Kommentaren jubiliert AccompaMe: „Super tolle Begleitung!“). Oder Kate Go, die zu Simon&Garfunkels „Scarborough fair“ Gitarre spielt. Zu Felix Mendelssohns Terzett „Hebe deine Augen auf“ aus dem „Elias“ gibt es bereits sechs verschiedene Versionen von Begleitungen, darunter A-Cappella-Aufnahmen der einzelnen Stimmen. Und zu Gabriel Faurés „Requiem“ hat Nutzer MAMusic an der Orgel sowohl die Begleitung als auch die einzelnen Stimmen eingespielt und hochgeladen.

Zwischen 0 und 10 Euro pro Aufnahme

AccompaMe-Gründer Gabriel Gomez

Dass die Dateien, die man auf der Plattform hochlädt, tatsächlich eigene sind, dazu verpflichtet man sich mit der Zustimmung zu den ABG. Übrigens auch dazu, kein schrammeliges Midi-Gedudel hochzuladen – und wenn doch Midi, dann mit hochwertigem Sound. Die Betreiber, sagt Gomez, prüften die Aufnahmen entsprechend, derzeit noch händisch. „Fehlerchen“ seien bei Live-Aufnahmen nicht ausschlaggebend, „Hauptsache, man kann dazu üben“, sagt er. Zunehmend soll die Sound-Kontrolle aber eine Künstliche Intelligenz übernehmen. Im besten Fall erkennt sie zudem auch „Stück, Komponist, Instrument, Tonart und Tempo“, sagt Gomez, „sodass die User das alles nicht mehr selbst angeben müssen.“

Und wer soll das nutzen? Im Trailer ist die Rede von „65.000 Profi-Musikern als Anbieter“ und „4 Mio. Hobby-Musikern als Käufer“ in Deutschland, später – AccompaMe will international gehen – „über 3 Mio. Profi-Musiker und 170 Mio. Hobby-Musiker“. All diese Menschen erreichen zu wollen ist ein hehres Ziel, aber im Grunde logisch. Schließlich muss ja jeder Musiker üben. Nur: Das mit einer Begleitung vom Band zu tun, kann tückisch sein, schließlich bleibt die immer gleich und passt sich keinen individuellen Gestaltungen an. Sie läuft und läuft und läuft immer weiter. Übt man also mit der immergleichen Aufnahme, wird man sich ihr am Ende fügen. Für Konzerte, das erklären die Betreiber – augenzwinkernd anmutend – in den FAQs, seien Menschen der Aufnahme in jedem Fall vorzuziehen. Na immerhin.



Bitte einmal die Klavierbegleitung zu den „Gurreliedern“, ich bezahle dafür 30 Euro.

Auf der anderen Seite: Wie viele Sänger gibt es, die sich hinsetzen und sich notdürftig einstimmig am Klavier begleiten! Ein Querflötist sagte mir einmal, der Klang seines Instruments gehe ihm beim einsamen Üben regelmäßig auf die Nerven – weil er so allein, so einzeln sehr durchdringend werden könne. Im Kirchenchor gab es mal eine Sopranistin, die in stundenlanger Arbeit am Notensatzprogramm Midis zusammenbastelte, damit jede und jeder zu Hause seine und ihre Stimme üben konnte – wahlweise mit einer oder mehreren anderen Stimmen dabei. So kann man bei AccompaMe entsprechend Wünsche äußern, wenn etwas noch nicht verfügbar ist: Bitte einmal die Klavierbegleitung zu den „Gurreliedern“, ich bezahle dafür 30 Euro. Derzeit ist das Angebot auf der Plattform noch überschaubar, es umfasst insgesamt rund 500 Dateien. Es werden peu à peu mehr. Zu einer bestehenden Aufnahme etwas hinzuzuspielen, zu remixen und neu hochzuladen geht auch. Web-DJing wäre das, kollektives Online-Sounddesign mit selbst festgelegten Lizenzen.

AccompaMe ist das typische Beispiel einer Idee, bei der man sich fragt, warum sie jemand nicht schon sehr viel früher hatte.

Das Angebot inklusive Foren und Gruppen ist groß, so groß, dass es eskalieren könnte, in beide Richtungen: Vielleicht ist irgendwann so viel online, dass man sich im Katalog verläuft. Aber was ist, wenn es kaum jemand ernsthaft interessant findet? Wieso soll ich mir für einen Fünfer eine Begleitung kaufen, die ich möglicherweise umsonst selbst notdürftig hinbekomme? Vielleicht reicht den vielen Solisten da draußen ja nach wie vor der einsame Raum oder die Klavier spielende Bekannte, die alle zwei Wochen vorbei kommt. Theoretisch ist die Nachfrage da, praktisch wird sich das in den nächsten Monaten herausstellen. Wenn die Plattform in kurzer Zeit durch die Decke geht, könnte sie nachhaltig das heimische Musizieren und vor allem das Üben verändern. Sie könnte eine Art IMSLP für einsam probende Musiker werden. Ein YouTube mit Qualitätskontrolle. Ein Biotop, in dem oder durch das vielleicht sogar Kunst entsteht.

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