Von Hannah Schmidt, 04.09.2018

Maximal politisch

Bei dem ersten Karl Marx gewidmeten Kompositionswettbewerb wollte die Birmingham Contemporary Music Group (BCMG) die Dimensionen politischer Musik ausloten. Was dabei herauskam, übertraf jede Erwartung.

Ausgerechnet den Rokoko-Saal des Kurfürstlichen Palais hatten die Birmingham Contemporary Music Group (BCMG) und der Verein zur Förderung des Jubiläumsprogramms Trier für die Preisverleihung ausgesucht: Ein hellrosa Ort mit gläsernen Kronleuchtern und Goldrand-Deckengemälden, und vor Kopf dann auch noch das Konterfei des letzten Kurfürsten von Trier, Clemens Wenzeslaus von Sachsen. Meterhoch, ein stereotyp dickbäuchiger Staatsmann.

Noch nicht dagewesene künstlerische Zugänge zum Marx´schen Kommunismus

Es hatte einen sanften ironischen Schlag, dass nun inmitten dieses historischen Prunks zehn Komponisten und Komponistinnen ihre Preise des Wettbewerbs „Wilde Lieder – Marx.Music“ entgegen nahmen – des ersten Kompositionswettbewerbs, der dem erklärten Klassenfeind Karl Marx zum 200. Geburtstag gewidmet war. Zugegeben war die Aufgabenstellung „Schreibt Musik, die sich mit Karl Marx auseinandersetzt“ nicht gerade einfach. Doch hat jede und jeder der Prämierten da vorne auf der Bühne mit seiner oder ihrer Musik einen noch nicht dagewesenen künstlerischen Zugang zum Marx´schen Kommunismusmodell gefunden, zu seiner Kapitalismuskritik und seiner Idee einer klassenlosen Gesellschaft, zu dem Ruf eines aufbegehrenden Proletariats.
Karl Marx´ Ideen in der Sprache zeitgenössischer Musik zu hören, mag für das Publikum in dessen Geburtsstadt nicht unbedingt geläufig gewesen sein: Man kennt ihn dort eben vor allem als steinernes Denkmal und in Form einer Ausstellung, die zeitlich im Karlsbad des ausgehenden 19. Jahrhunderts endet. Doch für Stephan Meier, den künstlerischen Leiter des Wettbewerbs, sollte gerade solche zeitgenössische Musik, die politisch herausfordert und Gesellschaft analysiert, „eine viel größere öffentliche Bedeutung haben.“

Die Gewinner und beauftragten Komponisten

Über die Werke in den drei Uraufführungs-Konzerten konnte man derweil hell staunen. Was da für hochintelligente Kunstwerke dabei waren! Die BCMG, scheint es, hat mit dieser Ausschreibung eine musikalische Goldgrube aufgetan. Als hätten auch die Musikschreiber dieser Welt nur darauf gewartet, endlich mal für einen dezidiert politischen Anlass politisch komponieren zu können – für Ensemble, Duo, Stimme, als elektronische Klangkunst.
Stephan Meier schwebte das Experiment „Marx.Music“ bereits seit einigen Jahren vor, erzählt er bei einem kurzen Gespräch auf dem Hof vor der Trierer Promotionsaula: Er nennt es „die Lücke zwischen Marx und Musik füllen.“ Marx sei auf der ganzen Welt präsent, „und uns hat interessiert, welche Sichtweisen es auf seine Theorie in anderen Ländern gibt.“ Der Wettbewerb wurde daher in neun Sprachen ausgeschrieben, und es bewarben sich schließlich 70 Komponisten aus vier Kontinenten.

Ausdrucksmittel, die sich in Bedeutungslosigkeit auflösen

„Wir hatten dabei überdurchschnittlich viele Bewerbungen aus China, was nicht wundert“, sagt er, „und einige aus dieser Gruppe sind recht naiv an Marx herangegangen.“ Was ebenfalls nicht wundere. Trotzdem konnten aber auch von ihnen einige anders, wie beispielsweise Riqui Wang: Ihr Werk „Wenn´s tief in mir ertönt“ treibt die Suche nach den bestgeeigneten musikalischen Ausdrucksmitteln für Worte so weit, dass sie sich am Ende in Beliebigkeit auflösen. Das ist die Kunst der Rhetorik übertragen auf Musik – und stellt die pochende Frage nach dem Sinn und der Absolutheit konventioneller musikalischer Ausdrucksweisen. Metamusik im Extrem. Und dabei auch noch sehr schön.

Davon abgesehen war es für Meier „rührend zu sehen, welche Ähnlichkeiten es teilweise in den Ansätzen gab, und zwar über alle Bewerbungen hinweg. Zum Beispiel nahmen gleich mehrere das Jugendbewegt-Romantische der frühen Briefe von Marx, um es ins Heute zu übersetzen oder in einen Zusammenhang zu bringen mit Ausschnitten seiner späteren Werke.“ Kaspar Querfurth, gerade 29, ist einer von ihnen. Er lieferte mit „Bloßes Zubehör der Maschine“ eine von sechs Auftragskompositionen.

Bloßes Zubehör der Maschine

Ein Bariton und eine Bassflöte arbeiten sich darin an dem Gedicht „Die zwei Sterne“ und einem Ausschnitt aus dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ ab. Querfurth zerlegt die Einheiten der gesungenen Sprache darin nach und nach in ihre Einzelteile, die Phoneme verselbstständigen sich, die Vokale und Konsonanten lösen sich aus dem nächsthöheren Zusammenhang und irren durch einen zunehmend ordnungslos werdenden syntaktisch-semantischen Raum. Genauso löst sich die Artikulation vom Ton, das Wort vom Klang, der Ton vom Wort – und genau dadurch verselbstständigt sich gleichsam der Sinn des Textes: Der Arbeiter, heißt es bei Marx, „wird ein bloßes Zubehör der Maschine.“ Was passiert, wenn ein Mensch nur noch schafft, ohne den größeren Zusammenhang seines Tuns zu verstehen? Langer Applaus.

Frédéric Pattar

Rückblick: Vier Stunden vor Beginn der ersten Uraufführungen probt das BCMG-Ensemble im ersten Stock des Priesterseminars die letzten Takte von Frédéric Pattars Stück „Eine kleine Marxmusik“, ebenfalls eine Auftragskomposition. Pattar sitzt kerzengerade, angespannt auf seinem Stuhl, die DIN-A3-große Partitur vor sich auf dem Notenständer. „Deflation“ nannte er das Stück, das zu schreiben ihm ungewöhnlich leicht fiel: „Nachdem ich mit Stephan telefoniert hatte, habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Am nächsten Morgen wusste ich, wie die Musik sein muss.“
Er hat es irgendwie hingekriegt, das kleine, leise, schüchterne Motiv, das ganz am Anfang auf den höchsten Tasten des Klaviers gespielt wird, im Laufe der Komposition nach und nach sowohl zu zerstören als auch grotesk aufzublasen. „Das Stück ist für mich eine poetische Umsetzung des Begriffs ´Deflation´“, sagt Pattar, „und gleichzeitig der Versuch, die ökonomischen Strategien, durch die es Wirtschaftlern gelingt, innerhalb des weltwirtschaftlichen Chaos Prognosen treffen zu können, in Musik zu übersetzen.“

„Eigentlich hat alles, was ich mache, eine politische Lesart.“

Celeste Oram, Komponistin

Tatsächlich scheint sich Musik, vor allem die zeitgenössische mit ihren maximal vielfältigen Ausdrucksmitteln, besonders gut zu eignen, um einerseits Argumentations- und Denkstrukturen und andererseits sich entwickelnde politische und soziale Strukturen in gewisser Weise in ein musikalisches System zu übersetzen oder zu übertragen. Die neuseeländische Komponistin Celeste Oram, die für „Marx.Music“ eine Klanginstallation, ein Ensemblewerk und ein Hörspiel lieferte, arbeitet dabei sehr konkret: „Eigentlich hat alles, was ich mache, eine politische Lesart“, sagt sie nach einigem Nachdenken. „Die Frage ist eher, wie man ´politisch´ definiert, denn der Begriff wird mittlerweile gebraucht wie ein Slogan.“ Wie sich die Politik im Jahr 2018 entwickelt habe, sagt Oram, stresse sie enorm, vor allem aber auch die Art des Diskurses: „dass alle Diskussionen hinsichtlich des Urteils geführt werden, ob jemand links oder rechts ist, jede Debatte wird in diese parteiische Art zu denken hineingepresst.“

Celeste Oram

Pierrot laborieux

Für „Pierrot laborieux“ nun ließ Oram Musiker mit einer selbst entwickelten App eine Woche lang ihren Arbeitsalltag aufnehmen, und zwar alles, was sie tun, um ihren Beruf ausüben zu können: e-Mails beantworten, üben, Yoga, Tagebuch schreiben, Noten suchen, Werkhintergründe recherchieren, To Do-Listen erstellen. „Zwei Drittel der Aufnahmen waren Stille“, sagt Oram und lacht. „Die Tätigkeiten machten einfach keine Geräusche.“ Die Komponistin ersetzte sie durch Sinustöne. „Musiker denken immer, was sie beruflich tun sei unabhängig von finanziellen und markttechnischen Gegebenheiten“, sagt Oram. „Aber das stimmt nicht. Sie sind genau so kapitalistisch beeinflusst.“
Die Minuten, die er mit der App aufnahm, waren für jeden teilnehmenden Musiker unbezahlte Arbeitszeit. Bei Marx heißt das: Mehrwert – das Ergebnis der unbezahlten Arbeitszeit, an dem der Kapitalist verdient. Aus Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ machte Oram anhand dieser Aufnahmen und zusätzlichen Ausschnitten aus Interviews mit den beteiligten Musikern das Ensemble-Stück „Pierrot laborieux“, der „arbeitende Spatz“. Darin übertönt der Klang der unbezahlten Arbeit am Ende alles. Sogar Beteuerungen wie: „Music, it´s just my life.“

Genau solcher politischen und politisch motivierten Komposition wollte Stephan Meier einen Raum geben. Aber noch mehr: Es brauchte aus seiner Sicht einen Konzertort, „der sich nicht in der Exklave versteckt“, wie er sagt: „Ein Ort, wo normale Leute hinkommen.“ Es klingt zwischendurch durchaus eine leichte Verbitterung mit, wenn er indirekt über die Programme der Konzert- und Opernhäuser spricht und über die Voraussetzungen, unter denen die meisten künstlerischen Projekte gefördert würden: Die Furcht vor Publikumsverlust und eine starke Konzentration auf einen „Vermittlungsanspruch“ zu fördernder Kunst führe dazu, „dass unser musikalisches Angebot eben ist, wie es ist.“ Übersetzt: ungefährlich, wenig idealistisch, komfortabel. Und generell mit zu wenig guter und zeitgenössisch relevanter Musik bestückt, „die jemand gerade eben erst geschrieben hat“.

Man müsste lange nach Konzerten wie diesen suchen.

Das kurfürstliche Palais, so bedeutungsträchtig und wichtig es auch für die Stadt sein mag, lockte trotzdem keine 100 Besucher an. „Wenn wenige Leute kommen“, sagte Meier im Vorhinein, „dann wissen wir trotzdem, dass es nicht an der Qualität der Musik liegt, die durchaus in der Lage ist, Menschen zu binden und zu begeistern.“
Tatsächlich müsste man lange – und vermutlich erfolglos – nach Konzerten suchen, die einerseits von derartigem programmatischem Sendungsbewusstsein sind wie die Uraufführungsabende in Trier es waren – und andererseits von solch hoher qualitativer musikalischer und zeitgenössischer Dichte. Wenigstens hat der SWR die Konzerte aufgenommen und sendet sie im Oktober. Außerdem wird es eine Dokumentations-CD geben. Solange hilft zur Überbrückung vielleicht ein bisschen Marx zu lesen.

© Hannah Schmidt
© Chris Holdaway
© John Mayall/wikimedia


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