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Von Hannah Schmidt, 05.05.2017

Rheinromantikreste

Rheinromantikreste

Was Dichter und Komponisten der Romantik umtrieb und antrieb, betrachten wir heute vielfach mit einem abgeklärten Lächeln. Romantische Orte wie der Rhein scheinen ihre Mystik verloren zu haben – oder? Wir haben den Rhein von heute mit dem Rhein Heines und Schumanns konfrontiert.

Seine Tiefe und Größe, seine Burgen und grünen Hügel, seine Einsamkeit, Wildheit und Stille brachten ab 1800 Schriftsteller und Musiker dazu, den Rhein zu besingen. Sie erhoben und lobten ihn, stilisierten ihn mit ihren Worten zum Mythos, machten ihn zum Sinnbild einer undurchdringlichen, mächtigen und himmlischen Natur. An seinem Ufer entlangspazierend versuchten sie der Welt näher zu kommen, in seiner Begleitung wandernd und pilgernd ihr Innerstes zu erkennen. Manche von ihnen stürzten sich gar, wie der 44-jährige Robert Schumann, verzweifelt von einer der malerischen Brücken in seine kalten Fluten, so weit ging die Anziehungskraft dieses Wassers.

200 Jahre später hören wir die Lieder und lesen die Gedichte mit einem besonnenen, abgeklärten Lächeln: „Das Alles beut der prächt’ge Rhein/ An seinem Rebenstrand/ Und spiegelt recht im hellsten Schein/ Das ganze Vaterland/ Das fromme, treue Vaterland/ In seiner vollen Pracht.“ (Robert Reinick, 1805, von R. Schumann vertont, Sonntags am Rhein)

Aus dem Zugfenster sieht der Rhein toll aus, und in viele der vorbeifliegenden, am Hang kauernden Burgen würde ich gerne mal hineingehen. Anderen geht es sicherlich auch so, vielleicht zückt manch einer ja sein Telefon und macht ein Erinnerungsfoto, das er sich dann nie wieder ansieht.

Nehmen wir die Landschaft noch so wahr, wie Heine, Schumann, Goethe es in der Lage waren zu tun?

Ich weiß die Landschaft zu schätzen, staune im Vorbeifliegen über ihre Schönheit. Damit bin ich sicherlich nicht alleine. Aber nehmen wir sie noch so wahr, wie Heinrich Heine, Robert Schumann, Johann Wolfgang von Goethe es in der Lage waren zu tun? Könnten wir das überhaupt noch, mit unserem schnellen und weltgewandten Industriebilder-Hollywoodfilm-Gedächtnis? Was ist übrig geblieben von dem Zauber des Rheins, von der Magie romantischer Orte – außer ihrer Loblieder und -Gesänge?

„Berg und Burgen schaun herunter/ In den spiegelhellen Rhein […] Ruhig seh ich zu dem Spiele/ Goldner Wellen, kraus bewegt.“ – Auf der Zugfahrt lösen dieser Text und die Musik bei mir von fern hergeholte Gedanken aus, die Vorstellung vom Rhein, vom Geräusch des Wassers, die Idee von kleinen krausen Wellen, während draußen Schrottplätze, Spargelfelder und Industrieruinen vorbeirauschen. Keine kleinen Wellen, kein Wasser, keine Berge und keine Burgen da draußen, nur überall das Gegenteil davon. Die Musik, das Thema, alles wirkt fern und vorbei, wie ein Märchen, schön aber nicht von dieser Welt.



Angesichts dieser Feststellung, wie arg sich alles in diesen 200 Jahren verändert haben muss, kriege ich eine Gänsehaut. Denn das Lied, das da gesungen wird, ist ja echt: Den Text hat Heinrich Heine wirklich geschrieben, die Musik hat Robert Schumann unter dem Eindruck des gleichen Naturschauspiels komponiert, und jetzt singt ein Zeitgenosse diesen Text, und ich höre ihn in diesem Moment, in dem ich mit 100km/h zusammen mit Hunderten anderen Leuten in einem Zug sitze und durch eine Landschaft fahre, die mit dem, was mir im Lied beschrieben wird, nichts (mehr) zu tun hat.

Es ist schön. Aber mir fällt schwer, hier den vor 200 Jahren in Liedern entworfenen Mythos des Flusses nachzuempfinden.

Am Rheinufer in einer der ältesten Städte Deutschlands, in Koblenz, ist es an diesem Aprilmittag voll von Leuten. Sie bewegen sich auf den beiden befestigten Spazierwegen, entweder näher am Wasser oder näher an den Häusern, joggen, schlendern, telefonieren. Gegenüber läutet eine Kirche zur Viertelstunde, im Hintergrund rauscht leise, kaum merklich eine Autobahnbrücke. Ein Kind wirft Steine ins Wasser, die Sonne scheint, es riecht kurz nach Kuchen. Es ist schön. Aber es fällt mir schwer, hier das mystische Bild des Flusses nachzuempfinden, von dem die 200 Jahre alten Texte und Lieder erzählen. Man müsste allein sein. An einer anderen Stelle des Rheins. Tiefer in der Natur. Einsamer. Oder?

„Schöne Wiege meiner Leiden“ , klingt der Heine-Text gesungen über meine Kopfhörer. Egal, an welcher Stelle ich mich hier am Rhein befinde, es ist anders, die Musik hier zu hören. Hier gibt es die kleinen krausen Wellen, von denen gesungen wird, hier gibt es Hügel und Burgen, die in Sichtweite liegen, und vor allem ist das hier genau der Fluss, von dem gesprochen wird, es ist der Rhein, und genau diese Stelle ist auch schon vor 200 Jahren Teil der Stadt gewesen, deren Name 700 Meter weiter auf dem Schild am Bahnsteig steht.



Es ist plötzlich ergreifend, berührend zu hören, wie Schumann über die Klavierstimme ein bisschen naiv und verspielt versucht, die Bewegung des Wassers lautmalerisch nachzuzeichnen, während genau das gemeinte Wasser nur einen Meter vor mir wirklich gegen die Steine schwappt. Ich betrachte die gegenüberliegende Burg nicht einfach nur, ich fühle mich wirklich von ihr angesehen, als würde sie auf mich herunterschauen. Zu wissen, dass sie auch vor 200 Jahren schon an diesem Platz stand, verleiht dem Moment auf einmal zeitliche Tiefe. Alles hier beinhaltet all das, was war. Das 19. Jahrhundert wirft seine Angel ins Jetzt aus und trifft mich, in dieser Sekunde.



Er ist nicht mehr der „Vater Rhein“.

Aber nur schön ist das Gefühl nicht. Es ist intensiv und fühlt sich an wie Verbundenheit, aber es steckt auch voller Schwermut. Wie vergänglich alles ist, wie es scheinbar ewig weiterbesteht und dabei ständig sein Gesicht verändert. Auf dem Rhein fahren andere Schiffe, und andere Menschen gehen an seinem Ufer spazieren, er ist noch immer der Gleiche, aber er wird anders angesehen.

Was die Romantiker in ihm gesehen haben, ist noch immer da, und es wäre auch unverändert, wenn sich unser Blick darauf nicht verändert hätte. Das hat er aber, jetzt wird hier Kuchen gegessen und gejoggt, er ist nicht mehr der „Vater Rhein“, wie Heine in „Deutschland – ein Wintermärchen“ schreibt. „Doch ich kenn ihn“, könnte ich auch heute sagen, in Anbetracht all der Bilder, die es schon vom Rhein gegeben hat, darunter das urromantische: „oben gleißend/ Birgt sein Inneres Tod und Nacht.“ Ja, das tut es noch immer. Lasse ich mich in der Koblenzer Aprilsonne beim Musikhören auf den Gedanken ein, schaudert es mich.

„Achtsamkeit“ als neue Romantik?

In diesem Moment praktiziere ich wahrscheinlich das, was Psychologen und -Coaches untersuchen und mit Menschen trainieren, die das Gefühl haben, den Kontakt zu sich selbst und zur Welt verloren zu haben: Achtsamkeit. Was an Imagetexten in den Flyern mancher Wellness- und Selbsterfahrungs-Kurse steht, scheint ein Naturgefühl, wie es die Romantik entdeckt hat, neu hervorrufen zu wollen: „Beschäftige dich mit der Natur und mit dem, was sie bei dir auslöst“, heißt es da unter anderem. „Die Achtsamkeitspraxis dehnt das In-der-Natur-Sein aus. Die Natur wird aus dem Hintergrund in den Vordergrund der Wahrnehmung geführt.“

Der Rhein, seine Hügel und seine Burgen sind also mehr als nur Kulisse, wenn man möchte, sie sind etwas, dem man begegnen kann, und zwar aufmerksam. Vielleicht ist es das: sich einen Berg nicht nur vorzustellen – wie ich bei der Zugfahrt –, sondern hinzugehen, ihn zu erwandern und ihn sich anzuschauen, sich bewusst machen, dass er jetzt gerade da ist.

Und auch, wenn einem Sänger und Pianisten mit den Worten Heines oder Goethes und den Kompositionen Schumanns oder Wolfs dabei helfen. Denn ihr Blick auf die Welt kann unseren Blick auf die Welt verändern – und damit auch unsere Realität.