Von Hannah Schmidt, 30.12.2017

Der Unschuldige

Er spaltet die Gemüter – auf nicht gerade sympathische Weise: Christian Thielemann, Chef der Sächsischen Staatskapelle, versucht seit Jahren, den NS-Komponisten Hans Pfitzner zu rehabilitieren, und führt auch darüber hinaus immer wieder historisch belastete Werke auf. Jetzt hat er für das Dresdner Silvester-Konzert zwei knallharte Nazi-Schlager ins Programm genommen. Geht's noch?

Es ist ja nicht so, dass Christian Thielemann (58) in einem anderen Land aufgewachsen wäre oder lebte als seine Kritiker. Er hat die gleiche Geschichte in der Schule kennen gelernt, als Jugendlicher die gleichen Fragen gestellt, sich mit seiner „beutepreußischen" Familienvergangenheit und im Laufe seiner Dirigentenkarriere wohl auch mit etlichen Überzeugungen und Schriften der Komponisten auseinandergesetzt, deren Werke er aufführt – oder zumindest mit der Geschichte der Werke selbst. Oder nicht? Manchmal wirkt es, als wolle Thielemann gar nicht wissen, welche Sätze Richard Wagner in „Das Judenthum in der Musik“ formuliert hat, zu welchen Anlässen Richard Strauss‘ „Festmusik der Stadt Wien“ und sein „Festliches Präludium“ komponiert bzw. uraufgeführt wurden, oder was Hans Pfitzner eigentlich für eine immense Bedeutung für die Kulturpolitik der Nationalsozialisten hatte. Die genannten Strauss-Werke etwa führte Thielemann im Mai 2011 auf, und zwar unkommentiert: Die Festmusik zum Anschluss Wiens an „Großdeutschland“ und das Präludium, das 1943 zu Hitlers Geburtstag gespielt wurde. Herzlichen Glückwunsch. „Irritierend“, wie Manuel Brug die Programmauswahl damals nannte, ist noch zurückhaltend ausgedrückt.

Er sagt dann sinngemäß: Melodien sind unschuldig. Und: C-Dur ist C-Dur.

Immer wieder wird Thielemann auf diese – mindestens – Unsensibilitäten angesprochen und sagt dann so etwas wie (sinngemäß): Melodien sind unschuldig. Und: C-Dur ist C-Dur. Oder: Franz Grothe (kerniger Nazi, der sich nach 1945 gegen die Entnazifizierung wehrte) war ein fantastischer Musiker. Oder sogar: „Ich hatte keine Ahnung“ – wie diese Woche im Gespräch mit der ZEIT. Da wurde er gefragt, ob es Absicht sei, dass er für das geplante Silvester-Konzert an der Semperoper, das unter dem Motto „100 Jahre Ufa“ steht, sowohl Stücke von Nazi-verfolgten Komponisten als auch von „Mitläufern und Profiteuren des NS-Regimes“ im Programm habe. Die Alternative, wie Thielemann in diesem Interview sagt, sei aus seiner Sicht, „kein Ufa-Konzert zu machen. Aber wäre das besser?“

„Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“

Doch soll es hier nicht um besagte regimetreue Komponisten gehen. Das Problem sind vor allem ganz konkret zwei Schlager, die zwischen 1942 und 1945 die wohl erfolgreichsten in ganz Deutschland waren: „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“, gesungen von Zarah Leander, erstmals veröffentlicht im NS-Propagandafilm „Die große Liebe“, dem mit einem Einspielergebnis von 8 Millionen Reichsmark und 27 Millionen Zuschauern damals kommerziell erfolgreichsten Film des Landes. Joseph Goebbels hatte ihn selbst in Auftrag gegeben. In einer Rede aus dem Jahr 1936 sagte er, Filme und Filmmusiken dürften nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern seien Instrument zur „nationalen Erziehung“. Ganz in diesem Sinne verliehen die beiden Schlager der Durchhalterhetorik – während der Materialschlacht in den letzten Kriegsjahren – einen populären Schunkelton. Und trafen damit auf ein breites Echo: Die Melodien und der Text waren in den Straßen, den Häusern, auf dem Schlachtfeld und in den Lazaretten omnipräsent. Jeder kannte sie.

Der Abend verspricht „für Ohrwürmer und Filmnostalgie“ zu sorgen.

Jetzt also sollen diese beiden Schlager als Teil des 90-minütigen Silvesterprogramms, das live im ZDF übertragen und später aufgezeichnet als DVD überall erhältlich sein wird, wieder einem Millionenpublikum präsentiert werden. Der Abend, so heißt es auf der Seite der Sächsischen Staatskapelle Dresden, verspricht „für Ohrwürmer und Filmnostalgie“ sowie mit „Charme und Schwung“ für einen „festlichen Jahresausklang“ zu sorgen. Das ist so blauäugig formuliert an dieser Stelle einfach ungeschickt, nicht nur von Thielemann, sondern ebenso von der Öffentlichkeitsarbeit der Staatskapelle. „Ich lasse mir doch meine Konzertprogramme nicht diktieren!“, antwortete Thielemann auf Nachfrage der ZEIT. Provozieren wolle er ebenfalls nicht, er habe das Programm „nach Qualität ausgesucht“. Und: „Ich wusste teilweise gar nicht, wer der Komponist war.“ Aber: Wenn man solche Stücke heute spielen will, muss man sie unmissverständlich einordnen und kommentieren. Das aber tun weder Thielemann, noch die Staatskapelle, noch das Programmheft, wie bereits durchgesickert ist.

Man kann Thielemanns naives Plädoyer für die „gute“ Musik, von der er ja auch glaubhaft in vielen Interviews schwärmt, sympathisch finden – oder aber, angesichts der immer wiederkehrenden, nicht reflektierten historisch bedingten Strittigkeit seiner Konzertprogramme, total daneben. Musik ist Teil des kulturellen Gedächtnisses und kann als solche nicht außerhalb ihres historischen Kontextes existieren. Es ist also fahrlässig, zu postulieren, Melodien seien „zunächst einmal unschuldig“. Nicht allein Gemälde, Reden, Theaterstücke und Literatur werden erst vor dem Hintergrund ihres Entstehungskontextes verständlich – auch Musik ist von ihm nicht zu lösen, nur weil sie eine abstraktere Sprache spricht.

Nein, es hat 1944 nicht genau so geklungen, wie es heute klingt.

Wenn ein Musikstück zu Propagandazwecken komponiert wurde, dann wurde es zu Propagandazwecken komponiert – egal, wie herrlich das schmetternde Bläser-C-Dur am Anfang auch klingen mag. Denn: Nein, es hat 1944 nicht genau so geklungen, wie es heute klingt. Ein Kunstwerk, ob Musik, Literatur, bildende Kunst, existiert nur als Prozess, es ist die Summe dessen, was in ihm gesehen wurde und gesehen wird. Genau deshalb hat Albrecht Altdorfers „Alexanderschlacht“ 1529 anders ausgesehen als das Gemälde heute aussieht, genau deshalb hat sich Richard Wagners Schrift „Das Judenthum in der Musik“ 1850 anders gelesen als heute, genau deshalb hat die „Warschawjanka“ im Jahr 1905 in Sankt Petersburg anders geklungen, als sie heute klingt. Melodien können genau deshalb verwendet werden als Vokabeln, Klänge als Zitate, Rhythmen als versteckte Hinweise.
Wenn in Dresden am Silvesterabend die oben genannten Schlager erklingen, entsteht mit ihnen unweigerlich die braune Durchhalte-Atmosphäre der letzten Kriegsjahre erneut. Musik ist eine viel konkretere Sprache, als man glauben mag – und das dank ihrer Geschichte, von deren Existenz und Bedeutung sich auch ein Herr Thielemann nicht freimachen kann, egal wie ahnungslos er sich dabei auch stellt.

© Oliver Killig/Staatskapelle Dresden
© FredrikT/wikimedia/ CC0


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