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Von Ricarda Natalie Baldauf, 26.09.2017

Daddel-Oper

Die Oper Wuppertal ist mutig. Als erstes Opernhaus feiert sie zur Wiederaufnahme von Giuseppe Verdis „Rigoletto“ auch die Premiere von „Share Your Opera“: Eine App begleitet die Zuschauer dabei durch die Aufführung. Das wollten wir doch mal im Selbsttest ausprobieren.

Ich bin überfordert. Das Bühnenbild: eine Wahlkampfzentrale, in der gerade die regierende Partei ihren Sieg feiert. Darüber eine Leinwand mit dem Nachrichtensender des Staatsfernsehens, dazu Übertitel, Giuseppe Verdis Musik und mein Smartphone in der Hand – all das überflutet meine Sinne.
Bei der Wiederaufnahme von „Rigoletto“ an der Oper Wuppertal soll ich mein Smartphone benutzen. Die anderen Zuschauer bekommen davon nichts mit, denn nur in der letzten Reihe des Parketts und des ersten Rangs und mit abgedunkelten Bildschirmen wird das Experiment gewagt. „Share Your Opera“ heißt das Projekt, das Oper interaktiv erlebbar machen soll. Über die App „Opera Guru“ werde ich mit zeitlich auf die Inszenierung abgestimmten Informationen zur Handlung und zu den Künstlern gefüttert, ich bekomme Einblicke in den Entstehungsprozess und das, was gerade Backstage passiert, „Fun Facts“ und Wissenswertes zum Stück und nebenbei soll ich noch eifrig twittern, um mir ein Freigetränk in der Pause abholen zu können. Ach ja, ein Gewinnspiel, das gibt’s auch noch.

Der junge russische Regisseur Timofej Kuljabin katapultiert die Geschichte des allseits gehassten Hofnarren Rigoletto aus dem 16. Jahrhundert in die Jetzt-Zeit und von Italien nach Osteuropa. Im Zwergenstaat „Mantua“ herrscht Korruption. Gericht, Polizei und Fernsehen werden kontrolliert von der Regierungspartei „United Mantua“ mit ihrem Spitzenkandidaten, dem Herzog von Mantua alias Duca, der sich eine Frau nach der anderen krallt und mit ihnen seine Sadomaso-Fantasien auslebt. Auch Rigolettos unschuldige Tochter Gilda bleibt nicht verschont, dabei hatte er sie doch extra in einer Psychiatrie versteckt. Wie sich Duca dort als Student verkleidet hineinschleicht und Gilda umgarnt, bekomme ich nur so halb mit, weil ich gerade am Gewinnspiel teilnehme und das Bühnenbild nach einem Gegenstand absuche, der sich dort laut App nicht befinden soll. Und weil ich mir dann Fotos von Rigolettos Kostüm-Entwurf anschaue und nebenbei noch twittere, verpasse ich glatt, wie Gilda in Ducas Gemächer entführt und der Vorhang zum Ende des ersten Aktes zugezogen wird.

Manche Inhalte, die mir die App liefert, reißen mich völlig aus dem Geschehen heraus. So zum Beispiel auch Werkstatt-Fotos des Bühnenbildes oder welche von Rigoletto an der Semperoper Dresden, Rigoletto an der Metropolitan Opera, Rigoletto an der Komischen Oper Berlin. Als Alternative zu den Übertiteln ist die App aber sinnvoll. Wenn man sich erst einmal von ihnen gelöst hat, liefert sie knappe Zusammenfassungen der Szenen in leicht verständlicher Sprache. Und auch das nüchtern nutzungsorientierte Design kann man den Entwicklern der Forschungsgruppe COSY der Universität Wien und der netzkern AG verzeihen, denn hinter dem Projekt steht kein riesiger Finanzierungsapparat.

Die erhabendsten Momente erlebe ich aber ohne mein Smartphone: Wenn die entführte Gilda (Ralitsa Ralinova) aus Ducas Gemächern kraucht, auf silbernen Glitzer-Hacken, mit Handschellen und verschmiertem Lippenstift, dabei glasklar irrwitzig hohe Koloraturen trällernd und sich in die Arme ihres Vaters Rigoletto (Pavel Yankovsky) schmeißt, der mit unangestrengter, warmer Bariton-Stimme singt. Oder wenn das Orchester unter der Leitung von Johannes Pell, aus dem Graben grollt und tost, feine oder schunkelnde Melodielinien zeichnet. Das Wuppertaler Ensemble ist fantastisch! Doch bei all den visuellen Reizen zieht die Musik fast immer den Kürzeren.

Das Projekt mag sinnvoll für die Erschließung von neuen Publikumsgruppen sein, nimmt dem Zuschauer aber auch einiges an persönlicher Denkleistung ab.

Am Ende dieses Abends gehe ich mit vielen Eindrücken im Gepäck aus der Aufführung. Und mit dem Gefühl, dass ich trotz allem vieles verpasst habe. Für eine tiefgehende Beschäftigung mit der Oper selbst, der Inszenierung, mit dem, was sie mir wirklich zu sagen hat, blieb einfach keine Zeit. Dass die Kunstform Oper dabei ein Stück weit entzaubert wird, mag sinnvoll für die Erschließung von neuen Publikumsgruppen sein, nimmt dem Zuschauer aber auch einiges an persönlicher Denkleistung ab. Denn die App suggeriert, den Besucher schon mit allen für das Verständnis der Oper wichtigen Informationen versorgt zu haben. Ein schmaler Grad. Das Projekt lässt aber erahnen, in welche Richtung es gehen könnte: das Smartphone als essentieller Bestandteil der Inszenierung, die App als Ergänzung zu den Einführungsvorträgen, mit Inhalten, die das Publikum zur Selbstreflektion anregen und zu einem Diskurs, der nicht nur über Twitter stattfindet. Den Grundstein dafür hat die Wuppertaler Oper gelegt.

„Share Your Opera“ selbst erleben

Bei allen Vorstellungen von „Rigoletto“ an der Oper Wuppertal könnt Ihr auf bestimmten Sitzplätzen an „Share Your Opera“ teilnehmen. Gelegenheit dazu bekommt Ihr noch an drei weiteren Terminen: am 8. Oktober um 18 Uhr, am 2. Dezember um 19:30 Uhr am 3. Dezember um 16 Uhr.
Weitere Informationen zur Oper und zum Projekt gibt’s hier.

© Wil van Lersel
© Opera Guru/Oper Wuppertal


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