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Von Malte Hemmerich, 03.02.2017

Hassliebe Klassik

Zwischen Friedrich Gulda und dem Musikbetrieb herrschte stets eine Hassliebe. Erinnert man sich an die irren Aktionen des genialen Österreichers, scheinen alle heutigen Interpreten der Szene glatt und langweilig.

Welch ein Künstler möchte nicht gern nur für ein offenes und musikinteressiertes Publikum spielen? Doch bei jedem Konzert, so zeigt es sich allein in den Pausengesprächen heute, sind auch eine ganze Menge Upper-Class-Fetischisten und Scheinheilige anzutreffen. Wie aber sortiert man das Publikum aus?
Der Pianist Friedrich Gulda hat es vorgemacht. In den 70er Jahren gab er ein Konzert im Kärntner Musikforum. Auf dem Programm: Bachs „Wohltemperiertes Klavier“, für dessen Interpretation der Pianist berühmt war. Statt aber mit Präludien und Fugen zu beginnen, improvisierte Gulda mit anderen Musikern am Klavier herum, ignorierte jegliche Proteste. Erst als sich der Saal fast geleert hatte, gab er das versprochene Programm. Für die wirklich Musikinteressierten.



Gulda konnte sich das erlauben. 1930 geboren, debütierte der technisch, insbesondere rhythmisch perfekte Klavier-Heißsporn mit zwanzig Jahren in der Carnegie Hall. Danach war er überall begehrt, geliebt für sein Bach, Beethoven und Mozartspiel. Er konnte sich Zwist mit den Salzburger Festspielen und seiner Plattenfirma Decca leisten, die ihn nicht mehr unterstützen wollte, als er sich verstärkt dem Jazz zuwandte. Gulda verlängerte seinen Vertrag nicht. Er hatte über die Jahre auch eine starke Meinung zum klassischen Konzertbetrieb entwickelt und ließ keine Gelegenheit aus, diese kundzutun. „Hohl, unglaubwürdig, verlogen bis ins Mark“ sei das Konzertwesen, gleichzeitig hatte er Mitleid mit den Leuten, die dort im „musikalischen Ghetto“ leben.



„Hohl, unglaubwürdig, verlogen bis ins Mark“

Gulda über den klassischen Konzertbetrieb

Er machte es sich schön in diesem Ghetto, spielte mal nackt auf der Bühne Blockflöte, änderte willkürlich und kurzfristig seine Programme und trat am Ende nur noch in Sneaker und Rollkragenpulli auf.
Einen großen Streich spielte er am Ende der ganzen Musikwelt: Gulda schickte 1999 ein gefälschtes Telegramm über sein vermeintliches Ableben an die Medien, angeblich um darauf die Nachrufe über ihn zu lesen. Nach einigen Wochen gab es dann ein großes „Auferstehungskonzert“ mit Stripperinnen und Guldas eigenen Kompositionen. Ein Jahr später starb das „enfant terrible“ und der Lehrer der Pianistin Martha Argerich dann aber endgültig. Er hinterließ viele Geschichten und auch ein bisschen Wehmut darüber, dass 17 Jahre nach seinem Tod kein ähnlich Verrückter in Sicht ist, um die Klassikwelt wieder mal ehrlich aufzumischen.

© flickr


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