Von Hannah Schmidt, 16.01.2020

Virtuose Lässigkeit

Für das aktuelle Album ihres Ensembles L’Arpeggiata ist Christina Pluhar jahrelang auf der Suche gewesen. Ausgegraben hat sie dabei unter anderem 21 Stücke des Barockkomponisten Luigi Rossi, die man jetzt zum ersten Mal hören kann.

Es sind diese Kantilenen, die man wieder und wieder und wieder hören möchte, nachdem die wenigen Minuten eines Liedes verstrichen sind – wie ein Kind, das noch nicht bereit ist, sich von einem besonderen Moment zu verabschieden: „Nochmal!“ dieses „su, su, torna ad amare“, „Nochmal!“ diese irrsinnige, fast endlose Verzierung um das Wort „cercar“ in „Quando spiega la notte“, „Nochmal!“, Monsieur Jaroussky! Schier unglaublich ist es, was die Sängerinnen und Sänger da veranstalten, im riesigen Ambitus, 17 klar und virtuos – stimmtechnisch geradezu akrobatisch.

  1. Die herzliche Umarmung in der Musik! Alles, was sich zwischen dem höchsten und dem tiefsten Ton einkuschelt gehört zum Ambitus, dem Tonumfang. Die Kuschelei kann verschieden untersucht werden: Welchen Ambitus hat ein Klavier? Welchen Ambitus die gute alte Erda im Ring des Nibelungen? Viel Spaß beim Rätseln! (CW)

Doch es wäre schade, dem „Nochmal“-Impuls allzu oft nachzugeben, so käme man durch die drei CDs umfassende neue Einspielung von L’Arpeggiata „La Lyra d’Orfeo/ Arpa Davidica“ wohl kaum durch. Allein 21 Stücke des Komponisten Luigi Rossi (1597-1653) hat die Ensemblegründerin Christina Pluhar in jahrelanger, nein, jahrzehntelanger Arbeit als erste aus den Tiefen verschiedener europäischer Archive ausgegraben und teilweise selbst arrangiert, damit sie überhaupt aufgenommen werden konnten.

Rossi war es, der die Kantate revolutionierte

Rossi war zu seiner Zeit einer der wohl berühmtesten Komponisten überhaupt – auch wenn ihn heute außerhalb der Alte-Musik- und Lautenszene kaum noch jemand kennt: Er war es, wie Christina Pluhar erzählt, der die Kantate 171 in ihrer damaligen Form revolutioniert hat, ja, der mit der erstmaligen Vermischung von Recitar Cantando und längeren Arien in einem Werk sogar die Oper vorwegnahm. Die Komponisten der folgenden 50 Jahre imitierten seinen Stil – sie sahen ihn als das musikalische Genie, als das auch Pluhar ihn gerne bezeichnet.

  1. Wer denkt hier nicht automatisch an Johann Sebastian Bach? Ganz richtig: Der deutsche Komponist schrieb über 200 kunstvolle Werke in dieser Gattung der festlichen Gottesdienstmusik mit Chor, Orchester und Solisten. Die „Bachkantate“ wurde dadurch zum feststehenden Begriff. Später schrieben unter anderem Carl Nielsen und Paul Hindemith auch weltliche Kantaten – im Prinzip jeder Text lässt sich so vertonen. Daher eine traditionsreiche Gattung mit Zukunft! (MH)

Auf den jetzt veröffentlichten Aufnahmen faszinieren die Gesangsstimmen besonders: „Diese Musik hat einen so großen Ambitus, dass man sich einfach fragt: Wer waren diese Stimmen?“, sagt Pluhar. „Für wen hat er das geschrieben? Wir haben keine Ahnung, was das für Stimmen waren." Kastraten, 196 Counter, hohe Tenöre?
Pluhar wählte für ihre Aufnahme, wie sie selbst im Booklet schreibt, „die schönsten heute verfügbaren Stimmen“. Was sie damit meint: „Naja, erst einmal haben wir auf der Aufnahme die drei besten Countertenöre 36 dieser Zeit versammelt.“ – Philippe Jaroussky, Jakub Józef Orlínski und Valer Sabadus. Dazu kommen mit Céline Scheen (Sopran) und Giuseppina Bridelli (Mezzosopran) zwei Sängerinnen, mit denen Pluhar ebenfalls schon viel gearbeitet hat, und zudem: Véronique Gens. Mit ihr hat das Ensemble schon vor 15 Jahren die jetzt veröffentlichten Stücke aufgenommen, doch ein Rechtsstreit verhinderte, dass die Einspielung damals erschien.

  1. Eine humane Weiterentwicklung des Kastraten. Wenn ein guter Countertenor singt, kann man seine Stimme für die einer Frau halten. Aber halt: Macht nicht das männliche Grundtimbre erst einen glanzvollen Counter und seinen ganzen Reiz aus? Darüber kann man streiten. Letztendlich ist das aber Geschmackssache. (MH)

  2. Jugendlich und kräftig zugleich, von überirdischer Schönheit sollen die Stimmen der Kastratensänger gewesen sein. Sie wurden in den Himmel gelobt, doch der Preis war hoch: Tausende sängerisch begabte Jungen wurden dafür vor dem Stimmbruch kastriert. Die grausame Praxis ist zum Glück nicht mehr erlaubt. Ehemalige Kastratenpartien werden heute mit Sängerknaben oder Countertenören besetzt. (AJ)

„Ein kleines Schatzkästchen“

Die erste der drei CDs beinhaltet also keine aktuellen, sondern die alten Aufnahmen von vor 15 Jahren, die allerdings bis vor kurzem noch unveröffentlicht in der Schublade lagen. Gens hat sich mittlerweile weiterentwickelt, singt dieses Repertoire heute gar nicht mehr. In den letzten Jahren widmete sie sich eher Rameau, Berlioz, Saint-Saëns, Gounod. „Deswegen ist die CD auch für uns ein kleines Schatzkästchen“, sagt Pluhar, „das man das jetzt, nach so langer Zeit, endlich öffnen kann.“

Über alle drei Teile des Albums hinweg sind die Stücke überraschend unterschiedlich in ihrer Klanglichkeit: Das stimmungsschwankende „Anime, voi che sete“ oder die brusttönig erzählten fantastischen Bilder des „Quando spiega la notte“ entsteigen einer ganz anderen Welt als das vorsichtige „Presso l’onde tranquille“ oder das verliebte „Dove mi spingi, Amor“. In Rossis Manuskripten sind zumeist nur der Basso Continuo 28 und die Melodiestimme notiert. Daher entsteht der individuelle Charakter der Stücke auch durch Pluhars vielschichtige Arrangements, dadurch, wie farbenreich sie ihre Besetzung zum Klingen zu bringen weiß – und dass sie extrem viel improvisieren lässt. So sind ihre Musikerinnen und Musiker durch die Arrangements regelrecht gezwungen, kreativ zu sein – und zelebrieren das mit virtuoser Lässigkeit, allen voran wohl David Doron Sherwin am historischen Kornett.

  1. Der Generalbass ist das harmonische Gerüst, in dem Barockmelodien herumkraxeln. Er ist die tiefste Stimme, und Generalbassspieler haben nur die Scharniere des Gerüsts notiert. So kann beispielsweise jeder Organist sein eigenes Gerüst zusammenschweißen, die restlichen Melodien winden sich um dieses. (CW)

In der wiegenden, tanzenden Schwerelosigkeit fühlt man sich schnell wohl

Mit der Entscheidung, alle drei CDs durchzuhören, betritt man ein gleichsam fremdes wie bekanntes Universum, in dessen wiegender, tanzender Schwerelosigkeit man sich aber doch schnell wohl fühlt, vielleicht zu schnell: „Es ist eine sehr menschliche Musik“, sagt Pluhar dazu. „Sie hat eine harmonische und melodische Sprache, die, natürlich abgeändert, heute in der Popmusik weiterverwendet wird.“ Vielleicht muss man sich deshalb auch immer wieder zum aufmerksamen Zuhören ermahnen – aber entdeckt dann jedes Mal aufs Neue noch nicht gehörte Feinheiten.

Das mag sich hin und wieder auch auf die Texte beziehen, die dann plötzlich verblüffend aktuell scheinen: Erstmals sind hier nämlich nicht Frauen die passiv Verlassenen, Trauernden, Wartenden – sondern Männer. Sie klagen einer entfernten Macht ihr Leid, für das sie eine Frau verantwortlich machen: „Vezzosa bellezza/ che tanto s’apprezza/ ha gl’occhi per ferir,/ ma non per piangere“ – diese Schönheit, die so viel auf sich selbst hält, hat also Augen, die verletzen, aber nicht weinen können. Ein Schelm, wer dort nach der #MeToo-Debatte und zur Zeit eines erstarkten Feminismus gewisse Parallelen sieht? Heute sind es Männer, die ihre Karrieren durch Frauen bedroht sehen, die ihre Stimme erheben; Männer, die mit einem neuen Begriff von Männlichkeit hadern – heute klingt genau wie damals das Lamento des „alten weißen Mannes“, der sich durch „starke Frauen“ und dominanten Feminismus bedroht sieht. „Ich höre nicht auf, diese Aktualität in den Werken zu sehen“, sagt Pluhar, „schon mein ganzes Leben lang. Das macht ja jede Interpretation so hochspannend.“


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Luigi Rossi

La Lyra d´Orfeo. Arpa Davidica

L´Arpeggiata, Christina Pluhar

Erato (Warner)

(c) unsplash
(c) Michael Nowak


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