Von Christopher Warmuth, 10.02.2018

Kultur kann mehr

Der vorliegende, noch nicht unterzeichnete Koalitionsvertrag verrät viel. Viel über die vergangenen vier Jahre, viel über den langen Dornröschenschlaf der Kulturpolitiker. Sie haben verschlafen, Kultur mit deren Vision zu fördern. Und: viel über einen gehörigen Grunddenkfehler im System.

Oha. Der Ton im aktuellen Koalitionsvertrag hat sich im Vergleich zum vergangenen grundlegend geändert. Beim ersten Lesen mag er erfreuen, ein Grundfehler scheint in der DNA des deutschen Kulturverständnisses dennoch vorzuliegen. Während sich der vergangene Vertrag eher dröge liest, scheint in der Neuauflage der sogenannten „großen“ Koalition ein weitaus grundsätzlicheres Plädoyer für die Grundsätze von Kultur vorzuliegen.

Koalitionsvertrag 2013 vs. Koalitionsvertrag 2018

„Kunst und Kultur sind Ausdruck des menschlichen Daseins.“, so der erste Satz. 2013 war der einschläfernder: „Kunst- und Kulturförderung ist eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen, die diese in ihrer jeweils eigenen Zuständigkeit wahrnehmen.“ Schlagworte 2013 waren: „demografischer Wandel“, „junge Menschen“, „herausragend“ und „international“. Eine Überschrift für 2013 könnte sein: „Mehr Hoheit für den Bund.“

In der Neuauflage wird weniger am Sockel zementiert, der uns international besser dastehen lassen soll. Der Fokus liegt auf: Kunst, Kultur und Medien als Debattenkatalysator in Deutschland. Und ein großer Teil ist den Ausführenden gewidmet, deren berufliche Situation – finanziell und strukturell – analysiert werden soll. Eine Überschrift 2018 könnte sein: „Kunst als gemeinschaftsstiftender Kleber der Gesellschaft.“ Endlich. Das ist sehr gut.

Koalitionsvertrag 2018, »Ein handlungsfähiger und starker Staat für eine freie Gesellschaft«: Absatz 1 und 2

Bitter ist aber: Die Rückbesinnung auf ein zugegeben banal anmutendes Kulturverständnis ist lediglich Resultat der mehrjährigen innerdeutschen Debattenentgleisung. Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ offenbarte durch grassierenden und widerwärtigen Populismus die Kollektivphobien gegenüber dem bedingungslosen Humanismus, dem Fremden und speziell gegenüber dem Islam. Dass nun Kultur als Zaubermittel gegen diese vermeintlichen Schrecken und deren Gespenster instrumentalisiert wird, vor allem ex post, also nach deren öffentlichen Spukereien, ist zugleich lehrreich und bigott.

Koalitionsvertrag 2018, »Ein handlungsfähiger und starker Staat für eine freie Gesellschaft«: Absatz 3

Kultur wirkt proaktiv. Kultur kann mehr. Sie hinterfragt die Routine des Alltäglichen, ja durchbricht sie. Kultur sensibilisiert uns und sie zeigt uns auf, dass es eine bessere Welt geben kann als die, die wir haben. Sie ist ein visionäres Instrument, mahnend und warnend. Aber eben nicht rückwärtsgewandt, sondern mit Utopien in die Zukunft blickend.

Zweitens ist die Einengung des kulturellen Zaubermittels auf Themen wie „Integration, Inklusion, Demografie, Digitalisierung, Gleichstellung, Populismus, Zukunft von Arbeit und Kommunikation“ fatal einengend. Kultur kann mehr. Kultur stellt die Akzeptanz wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt als Normalität in Frage. Diese Gewalt resultiert schließlich aus uns selbst, den Menschen, weil die Wirtschaft, Militär und Politik von Menschenhand geschaffen sind. Die hübsche Liste im Koalitionsvertrag ist der Bestellzettel der vergangenen Regierung. Dieser wird an alle Kulturschaffenden übergeben, mit der eindringenden Bitte, die Bestellung zu bearbeiten.

In Zeile 7789 steht: „Kunst und Kultur sind frei.“ Dieser zentrale, kleine, nüchterne und absolute Satz ändert alles. Denn vielleicht muss das ja bedeuten, dass Kultur selbst den Bestellzettel schreibt. Kultur ist kein Kellner oder Koch. Kultur spricht Warnungen, Mahnungen und Visionen aus. Die Umsetzung liegt bei anderen, und die Forderungen strahlen in alle Bereiche eines Koalitionsvertrages aus. Es macht auch klar, dass die Mächtigen in unserer Welt im Sinne des Allgemeinwohls beauftragt sind. Sie sind die Kellner und Köche einer Gesellschaft. Der Souverän bestellt. So, und nicht umgekehrt.

© pixabay


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