Von Hannah Schmidt, 21.08.2019

Dancing Beethoven

In der Elektronik ist der „Drop“ ein zentrales musikalisches Mittel – er bringt die Leute auf der Tanzfläche zum Ausrasten. Wirkungsvolle Drops kann aber auch ein anderer ziemlich gut: Ludwig van Beethoven.

Die Kombination war, sagen wir, ungewohnt: Auf der Bühne spielte das Ensemble Reflektor Beethovens schicksalsklopfend-dramatische „Fünfte“, während ein Großteil der Konzertbesucher entspannt auf dem Boden herumlümmelte – in schlabbrigen Klamotten oder oben ohne, ungekämmt und mit Bier in der Hand, liegend oder halb sitzend. Arm in Arm, wie beim Kinoabend. Es fehlten nur die Nachos. Aber sie hörten zu, und wie.

Diese Elektroniker, „Hippies“ aus der Berliner Electro-Szene, die möglicherweise eher selten klassische Konzerte besuchen, machten beim Detect Classic Festival Ende Juli in Neubrandenburg ungefähr die Hälfte der Besucher aus, denn die Hälfte des Programms war schließlich auch DJ- und Soundkunstprogramm auf einer Open-Air-Bühne und bei Nacht. Sie gingen tagsüber und am frühen Abend Klassik hören, danach tanzen und irgendwann morgens früh zum Schlafen in ihr Zelt, und es war für sie ganz selbstverständlich, natürlich auch bei Beethoven und Ravel und Strawinski dabei zu sein. Und darüber redeten sie.

Was für ein Sound, und alles analog! Was für Ebenen, was für Rhythmen! „Wie der da den Drop aufbaut …“, sagte ein Typ im Vorbeigehen, und er meinte Beethoven.

Kurz war es irritierend, dann interessant. Und nach einigem Nachdenken war klar – er hat Recht. Da gibt es diese Stelle, direkt im Kopfsatz des „Allegro con brio“ nach der einfachen Wiederholung des Hauptthemas, wo nach zwanzig Takten aus dem Piano der ersten Geigen endlich ein Tutti-Forte wird – das ist der Drop, ein mustergültiger Drop! Drop meint den Moment, „when tension is released and the beat kicks in“, wie es in einem Beitrag des NPR heißt. Der Moment, in dem die kunstvoll aufgebaute und lange gehaltene Spannung gelöst wird und der Beat reinkommt.

In der elektronischen Tanzmusik ist der Drop wohl eines der wichtigsten musikalischen Gestaltungsmittel – „It´s why arenas full of people suddenly start jumping up and down“, schreibt das Billboard Magazine. Gute Drops bringen die Leute zum Ausrasten – wie in dem Song „Goosebumps“ des Rappers Travis Scott (etwa ab 00:00:53):



Zurück zur Klassik: Aus dieser Perspektive betrachtet arbeitet Beethoven tatsächlich meisterhaft. Im Grunde besteht der erste Satz der „Fünften“ aus einer ganzen Reihe fetter Drops, von denen offenbar viele Rapper und DJs der letzten Jahrzehnte gelernt haben.
Zuerst – oft nach einer Fermate mit Generalpause – nimmt Beethoven die Bässe raus, nur Streicher oder Holzbläser spielen, und zwar leise. Er schreibt ihnen repetitive Figuren in die Stimme, die dann vielleicht noch als Echo aus anderen hohen Stimmen widerhallen, und wieder und wieder, pro Wiederholung wird noch etwas mehr Klang hinzugenommen, plus zweite Flöte, plus Fagott, plus Cello. Dann kürzt er die Figur und macht somit die Abstände zwischen Ruf und Echo kleiner, bringt Tempo rein, schiebt das Ganze dann noch chromatisch einen, zwei Töne nach oben. Die Figur spielen nach und nach immer mehr Stimmen, zum Tutti fehlen nur die Bässe – aus Ruf und Echo wird eine Linie –, und nach einer weiteren harmonischen Verkürzung, einer zusätzlichen Spannung der Verhältnisse, erreicht die Linie den melodischen Höhepunkt. Pauken setzen ein, Bässe, tiefes Blech, endlich die vertraute Melodie wieder, der „Beat“. So wie an der Stelle im 1. Satz, ab Minute 2:14:



Elektronik-Fans seien Sound-Freaks, heißt es. Sie lieben Boxentürme und große Anlagen, leistungsfähige Technik und Surround. Im klassischen Konzert braucht es davon gar nichts – und die Wirkung ist (fast) die gleiche. Fehlt nur der monotone Beat und das Clublicht. Beethoven mit seiner beinahe schon minimalistischen Kompositionsweise eignet sich zum Glück hervorragend für Remixes. Einer wurde von der australischen Webseite junkee.com auf Platz eins der „Insane Dubsteb Remixes of classical music“ gewählt. Wartet auf den Drop – und tanzt!



© Daniel Dinu/pexels.com


    NIUSletter

    Bleibt auf dem Laufenden und erhaltet alle drei Wochen unseren NIUSletter.