Von Ida Hermes, 26.11.2019

Hurra, Beethovenjahr!

Die Vorboten zum 250. Beethoven-Geburtstag lassen hoffen: Für ein Jahr lang darf Innovation endlich zur Nebensache werden. Eine Glosse.

Da steht ein Mann im Schottenrock auf dem Münsterplatz in Bonn und spielt die „Ode an die Freude“. Um ihn gesellt sich eine ulkige Schar goldener und grüner Beethoven-Plastikzwerge, sie grinsen fidel vor sich hin, mit den Händen in den Hosentaschen – der Künstler Ottmar Hörl hatte sie vor einigen Monaten im Auftrag der Bürger für Beethoven zuerst auf den Münsterplatz, dann auf die ganze Stadt losgelassen. Beethoven gehört den Bürgern, das ist seitdem klar, und zum Jubeljahr 2020 soll er nicht nur wieder unters Volk kommen, sondern das Volk auch unter Beethoven.

Dudelsack-Spieler Fredolin Feinbein nimmt sich das zu Herzen und trällert seine ganz eigene Fassung des Chorfinales der 9. Sinfonie:



Nach allen Regeln der Kunst zerlegt Feinbein Beethovens Musik, klopft die Fetzen und Schnitzel schön platt und mariniert sie in trashigen E-Gitarren-Riffs, um sie in Elektro-Beats endgültig tot zu frittieren. Dieses Sich-zu-eigen-machen, einen-persönlichen-Zugang-finden ist im Klassikbetrieb jüngst der neuste Schrei, für die Beethoven Jubiläums GmbH, die erst kürzlich ihr Programm für 2020 veröffentlicht hat, gar das große Mantra. Schließlich ist es nicht mehr damit getan, wenn ein paar verschlafene Omis und Opis in einem verschlafenen Konzertsaal an einem verschlafenen Abend eine verschlafene Version der Eroica verschlafen. Beethoven hat Geburtstag! Da sollen (– müssen!!) alle, alle, alle feiern!!! Und man will ja was für die Allgemeinheit anfangen mit den öffentlichen Geldern.

Der Pianist Lang Lang hat es in seinem mit dem Opus Klassik 2019 prämierten Musikvideo über „Für Elise“ vorbildlich gezeigt – alles und jeder kann und sollte Beethoven spielen, singen. Überall plant man also eifrig Bürgerprojekte, Flashmobs, Mitsing-, Mitspiel-, Wohnzimmer- und Clubkonzerte, Lichtinstallationen, Open-Air- und Live-Übertragungen mit Public Viewing, veranstaltet Binge-Performances aller neun Sinfonien am Stück oder beschallt arme Elefanten in der Savanne mit Klavierfassungen der sechsten Sinfonie, der Natur zuliebe, wie es die BTHVN-Website von ihrem „Pastoral Project“ behauptet.

Übt die Deutsche Fußballnationalmannschaft die „Ode an die Freude“?

Und das ist nur der Anfang. Gerade erst hat die Stadt Bonn praktische Infosäulen aufgestellt für einen zweistündigen Beethoven-Rundgang, plant ein Live-Spektakel zur 175-jährigen Enthüllung des Beethoven-Denkmals auf dem Münsterplatz (das außerdem vom Weihnachtsmarkt nicht mehr wie üblich zwischen Glühweinständen und dem Riesenrad eingequetscht wird, sondern eine besondere Lichtinstallation bekommt), in Wien bereitet man derweil die Ankunft des Beethoven-Musikfrachters vor, der ab März von Bonn aus das ganze Rheinufer beschallen wird, und munkelt, die Deutsche Fußballnationalmannschaft übe bereits fleißig die „Ode an die Freude“, um demnächst der ganzen Welt unter die Nase zu reiben, dass Beethoven Deutscher war und kein Österreicher.

Irgendwie klar, dass alle schon so richtig Bock haben auf dieses Jubiläum und auf Beethoven, natürlich. Und wenn der einem am Ende doch nicht so viel sagt, kann man beim nächsten Mal vielleicht einfach Schostakowitsch aufs Programm setzen, der ist noch nicht so durchgedudelt. Oder halt Mozart. Mozart geht immer.



© pexels


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