Von Jesper Klein, 11.06.2019

Torpedo-Tüftler

Der amerikanische Komponist George Antheil entwickelte in seiner Freizeit Technik für Torpedos. Die Anerkennung kam zwar erst posthum, aber sie kam. Unser Kuriositätenkabinett, ein Plädoyer für Experimente und musikalischen Erfindergeist.

Manche Geschichten sind zu schön, um wahr zu sein. Andere sind so schön, dass sie einfach wahr sein müssen: George Antheil, ein heute eher noch als Dirigent bekannter amerikanischer Komponist aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat in seinen Memoiren einige davon aufgeschrieben. Was hier wahr ist und was erfunden, ist schwer zu rekonstruieren. Antheil schmückte sein abenteuerliches Leben nach Lust und Laune aus – mit der Wahrheit nahm er es nicht so genau. Ausgerechnet die Skurrilste seiner zahlreichen Anekdoten aber lässt sich tatsächlich belegen.

Der Patentantrag vom 10. Juni 1941

Sirenen und Flugzeugpropeller

Für sein Stück „Ballet mécanique“ begann Antheil mit Selbstspielklavieren zu experimentieren, die damals weitaus beliebter waren, als sie es heute sind. Antheils Musik sollte zudem eine Synthese mit einem Film des französischen Malers Fernand Léger bilden. Sechzehn mechanische Klaviere miteinander und dem Film zu synchronisieren, war allerdings eine echte Herausforderung, die nur mithilfe einer koordinierten Lochstreifen-Steuerung der Klaviere zu lösen war. Gemeinsam mit der Hollywood-Schauspielerin Hedwig Eva Maria Kiesler alias Hedy Lamarr tüftelte er an dem System, entwickelte es weiter und weiter. Dann die Idee: Wenn man Klaviere mithilfe von Lochstreifen koppeln kann, warum dann nicht auch Sender und Empfänger bei funkgesteuerten Torpedos? Die Verbindung war störanfällig für Sabotage, doch wenn Sender und Empfänger oft und stets genau gleichzeitig die Frequenz wechseln könnten, wäre sie von außen fast unmöglich zu knacken. Am 10. Juni 1941 reichten Antheil und Lamarr den Patentantrag ein, gut ein Jahr später wurde er bewilligt.

Beim Militär verstand man nicht recht: Technik aus dem Klavierbau in Torpedos verwenden? Besser nicht. Auch auf der Bühne lief es für Antheil nicht immer rund. Sein die Hörer provozierendes „Ballet mécanique“, mit Sirenen und Flugzeugpropellern ausgestattet, reichte 1926 in Paris immerhin zu einem Skandalerfolg à la Strawinskis „Sacre du printemps“, die Aufführung ein Jahr später in New York hingegen endete als Fiasko sondergleichen. George Antheil, gescheitert als Künstler und als Erfinder?

Gelegentlich soll Antheil demonstrativ einen Revolver auf dem Flügel platziert haben, um sich notfalls den Weg hinaus freischießen zu können.

Keineswegs. Die Skandale kamen dem Enfant terrible, das 1923 nach Paris übersiedelte und dort in Künstlerkreisen um Ezra Pound und Ernest Hemingway verkehrte, gerade recht, sie wurden fast schon zur Gewohnheit. Gelegentlich soll Antheil bei Konzerten demonstrativ einen Revolver auf seinem Flügel platziert haben, um sich notfalls den Weg hinaus freischießen zu können. Peng. Selbst wenn der Komponist Antheil heute wenig bekannt ist, sein „Ballet mécanique“ hat es durchaus in den Rang der Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts geschafft. Auch für den funkgesteuerten Torpedo gab es ein Happy End: Die Technik, die Antheil und Lamarr entwickelten, gilt heute als wegweisend für Bluetooth und WLAN. Das schnelle Hin- und Herspringen zwischen Frequenzen, Frequenz-Hopping genannt, wird bis heute in der WLAN-Technik verwendet. Im Jahr 2014 wurden beide in die „National Inventors Hall Of Fame“ aufgenommen.

Mehr Experimente

Was man daraus lernen kann? Zunächst, dass musikbezogene Technik auch für ganz andere Bereiche nützlich sein kann. In erster Linie ist diese Geschichte aber ein Plädoyer für das Denken außerhalb vorgegebener Bahnen. Ein Komponist und eine Schauspielerin entwickeln Torpedo-Technik? Das kann doch nicht klappen. Doch! Übersetzt für die zeitgenössische Musik heißt das so viel wie: Egal, wie abseitig und wenig erfolgversprechend die Idee auch sein mag, Experimente mit vermeintlich abwegigen Techniken können zu ganz bemerkenswerten Resultaten führen.



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