Von Ricarda Natalie Baldauf, 05.04.2018

Fest der Widersprüche

Die Tiroler Festspiele Erl sind gleichermaßen eigentümlich wie faszinierend. Ricarda Baldauf war über Ostern dort, hat sich Wagners „Parsifal“ und Bachs „Matthäus-Passion“ angehört, mit dem Publikum gesprochen und all das in zehn Momentaufnahmen festgehalten.

1. Wo sind die Kühe?
Ein unbekanntes Flugobjekt hat sich in die Tiroler Idylle verirrt. So scheint es, blickt man kurz vor Oberaudorf aus dem Zugfenster. Gleich neben dem kantig-schwarzen Bauwerk ragt noch ein rundlich-weißes vor den mit Schnee bedeckten Berggipfeln auf. Letzteres wird schon seit über zwanzig Jahren bespielt, ersteres seit 2012. Das ist nämlich beheizt, verfügt über einen privaten Hubschrauberlandeplatz und besitzt den größten Orchestergraben der Welt. Und das im Mini-Örtchen Erl, wo gerade einmal 1.526 Menschen und ein paar Kühe wohnen.

2. Fleißiges Bienchen
Maestro Gustav Kuhn, verehrt wie verteufelt, hat die Tiroler Festspiele 1997 gegründet. Als seine persönliche Kunstoase wählte er Erl, einen Steinwurf gelegen von der bayerischen Grenze, außerdem von Zürich, Verona, Stuttgart und Nürnberg gleichermaßen 250 Kilometer entfernt. Seitdem macht Kuhn das Dörfchen mit seiner Harley unsicher, dirigiert und inszeniert, entwirft Bühnenbilder und werkelt am einen oder anderen Kostüm. Über die Osterfeiertage leitet er zwei Riesenwerke: einmal Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“ und gleich zwei Mal Richard Wagners „Parsifal“. Zwischen all dem Trubel bleibt dann auch keine Zeit für Interviews, weder für niusic noch für die Süddeutsche Zeitung.

3. Schöne Hülle?
Nachdem man sich ein wenig im idyllischen Städtchen umgeschaut, die brandneue und nach frischem Holz riechende „Künstlerherberge“ mit eigenem Spa-Bereich bewundert, der denkmalgeschützten „Blauen Quelle“ einen Besuch abgestattet und das monumentale Festspielhaus auf sich wirken lassen hat, erwartet man Großes vom Kuhn’schen „Parsifal“. (Zumal sich die Festspiele gerne damit rühmen, das „kleine Bayreuth“ zu sein). Hinter dem Vorhang versteckt sich ein minimalistisches Bühnenbild. Rechteckige Sitzgelegenheiten und eine einzelne Tafel in der Mitte, die perfekt zu den geometrischen Wandvertäfelungen des Saals passen, lassen auf eine moderne und staubfreie Operndarbietung hoffen.

4. Schockstarre
In Kuhns „Parsifal“-Inszenierung wird über fünf Stunden viel gestanden, auf- und wieder abgetreten, manchmal gesessen, wahlweise wird auch mal der kränkelnde König Amfortas auf seinem Throne über die Bühne gehievt. Im zweiten Akt kommt eine merkwürdige Leiterkonstruktion zum Einsatz, die sich hoch- und runterfahren sowie als Matratze umfunktionieren lässt. Gleichermaßen verwirrt die Horde junger Frauen, die mit knappem rosa Stoff und auf High Heels zwischen Luftballonherzen tanzend versucht, Parsifal zu verführen. Bei solchen eindimensional gezeichneten Figuren, die sich in einer wenig gedeuteten Geschichte bewegen, bleibt es. Eine klassische Inszenierung in moderner Maskerade, aber statisch wie das Bühnenbild.

5. Nachwuchsschmiede
Der Klang muss bombastisch! In Maestro Kuhns Dirigat hört man den karajanschen Einfluss, in Salzburg nahm er Unterricht beim Dirigentenstar. Mitunter kann einem die Klanggewalt in der fabelhaften Akustik des Festspielhauses schon mal Gänsehaut über den Rücken jagen, an anderen Stellen wird sie den Sängern zum Verhängnis, die oft unter dem Klangteppich des Orchesters verschwinden. Kuhn setzt bei seinen Künstlern nicht auf große Namen, sondern auf langjährige Bekannte und Nachwuchs aus seiner „Accademia di Montegral“. Die qualitative Spannbreite ist groß: Johannes Chum als Evangelist in Bachs „Matthäus-Passion“ stolpert mehr durch die Koloraturen, als dass er schreitet, die erst zwanzigjährige Maria Novella Malfatti dagegen umschmeichelt mit warmem Timbre und weiten Bögen, und Pavel Kudinov sticht mit seinem Schauspieltalent und seiner tief grollenden Bassstimme als Gurnemanz im „Parsifal“ aus der Masse. Viele andere Sänger ordnen sich im Mittelfeld ein.



6. Stolz wie Oskar
Eine Dame mit Pudel, Wagnerfans aus China, der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler oder Salzburger, die vor dem riesigen Festivaltrubel in die Idylle flüchten. In Erl tummelt sich jedes Jahr eine bunt gemischte Publikums-Gemeinschaft. Die meisten kommen aus dem näheren Umfeld, aus München, Kufstein oder Wien. Was sie eint: ein fast rührender Stolz für die Sache. Das Publikum liebt seine Sänger, seine Musiker und vor allem seinen Maestro Kuhn, der beim Schlussapplaus mit großem Jubel und Bravo empfangen wird.
Grob lassen sich drei Typen von Festival-Besuchern ausmachen:

Typus 1: „Der Familienmensch“
„Mein Sohn liebt die Matthäus-Passion und hat jetzt die ganze Familie eingeladen.“ Dieser Besucher-Typus ist meist in großen Gruppen anzutreffen, am Karfreitag kommt er mit seiner Familie für Bachs „Matthäus-Passion“ zusammen. So kommt es vor, dass das ein oder andere Familienmitglied rücksichtslos mitgeschleift wird. Oft nimmt sich dieser Typus schon jahrelang einen Besuch in Erl vor und ist nun zum ersten Mal angereist.

Typus 2: „Der Wagnerfan“
Er begleitet den Maestro samt Festspiele von Anfang an. Dieser kunstbeflissene Typus besucht außerdem die „Bayreuther Festspiele“ und ist vermehrt zur Aufführung von Wagners „Ring des Nibelungen“ in Erl zu finden. (Man munkelt, dass diese Wagner-Vernarrtheit schon zu Handgreiflichkeiten vor dem Einlass führte.) Dass sich die Festspiele als „kleines Bayreuth“ rühmen, hält er aber für eine Übertreibung: „Toll, dass es die Festspiele hier gibt, aber qualitativ ist das nicht vergleichbar.“

Typus 3: „Der Urlauber“
„Berge, Museen, Schlösser, eben das ganze Ambiente zieht uns nach Erl.“ Dieser Typus erfreut sich nicht nur an der Musik, traditionsmäßig macht er außerdem im Umland oder direkt im Örtchen Urlaub und verbindet ihn mit Erler Kunstgenüssen. Von seinem Besuch profitieren so nicht nur die Festspiele, sondern auch die heimischen Gastronomie-, Ferienwohnung- und Hotelbesitzer.

7. Triumphmarsch der Hochkultur
Dass jährlich die Hochkultur in das kleine Örtchen einfällt – allein im Juli kommen bis zu 30.000 Besucher – gefällt nicht jedem Erler. So hat man es inzwischen aufgegeben, einen schicken Baum vor dem Festspielhaus zu pflanzen, denn am nächsten Tag war das Gewächs stets mutwillig ausgerissen und verschwunden. Da ist der Austausch mit den Einwohners wichtig: Nicht nur Maestro und seine Musiker treten im Festspielhaus auf, auch die heimische Blaskapelle oder Feuerwehr. Und Erler Einheimische bekommen Rabatte.

„Das Thema ist erschöpfend behandelt. Der Kuhn kann sagen, was er will, es wird sowieso falsch interpretiert. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht!“

Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner (Pressekonferenz am 30.3.18)

8. Causa Kuhn
Korruption, Beschäftigung zu Dumpinglöhnen und Psychoterror – Mitte Februar erschütterte Markus Wilhelm die heile Welt der Tiroler Festspiele mit Vorwürfen, die er unter Berufung auf anonyme Künstler auf dem Enthüllungsblog dietiwag.org veröffentliche. Er schrieb dort von einem ganzen „System Kuhn“, unter dessen Deckmantel der Dirigent außerdem sexuell übergriffig gewesen sein soll. Auch der Verein „art but fair“ mischte sich ein in die öffentliche Debatte, erstattete Anzeige gegen Kuhn bei der Staatsanwaltschaft. Der letzte im Netz zu findende Stand: Kuhn dementierte alle Vorwürfe, gab lediglich zu, bei der ein oder anderen Probe schroff gegenüber den Künstlern gewesen zu sein und antwortete seinerseits mit einer Klage. Das Landesgericht Innsbruck gab ihm Recht und erließ eine einstweilige Verfügung. Die Begründung: Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht, keine Beweise, keine Einholung einer Stellungnahme der Gegenseite. Auch Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner, der die Festspiele jährlich mit mehreren Millionen Euro unterstützt, steht an Maestros Seite.

9. Gehaltscheck
Was die Presse im Fall Kuhn bis jetzt vernachlässigte: Eine Dr. Claudia Rosenberger, die in einer Mail die Vorwürfe öffentlich bestätigte, existiert faktisch nicht, die Gehälter wurden überprüft und befinden sich im europäischen Durchschnitt, und die Festspiele haben alle Klagen in erster Instanz gewonnen. Seit Karfreitag kann man außerdem die Musiker-Gehälter einsehen, und es wurde eine Ombudsfrau beordert. Die Vorwürfe werden wohl trotz allem noch lange an Maestro Kuhns Image kleben. Bleibt nur zu hoffen, dass die öffentliche Schlammschlacht wenigstens eine Debatte darüber auslöst, ob nicht das „System Kuhn“, sondern vielmehr das „System Kultur“ das Problem ist.

10. Alles oder Nichts?
In Erl ist das möglich, was für manches Stadttheater undenkbar scheint. Jedes Jahr gibt es mindestens eine Uraufführung, dieses Jahr sogar zwei. Stücke müssen nicht fünf- oder zehnmal, sonder nur ein- oder zweimal aufgeführt werden. Die Festspiele bekommen jährlich eine Millionen Euro an Zuschüssen vom Land, den Großteil investieren aber Festspielpräsident Haselsteiner, ein Bau-Magnat, und private Sponsoren. Alle sechs Jahre finden außerdem die Erler Passionsspiele statt, 2019 ist es wieder soweit. Kleines Bayreuth, Kuhn’scher Wallfahrtsort, Urlaubsziel, Nachwuchs- oder Passionsspielstädtchen – was möchten die Festspiele sein? Schlussendlich ist das vielleicht gar nicht so wichtig, denn es ist gerade „die Mischung aus allem“, wie ein Festspielbesucher feststellte. Was aber passiert, wenn der 73-jährige Kuhn in Rente geht und seine Stelle Ende des Jahres ausgeschrieben wird, das ist die spannendere Frage.

Sommer und Winter in Erl

Im Juli (5. - 29.) startet die Erler Hauptsaison. Zu sehen gibt’s dann Rossinis „Ermione“, Wagners „Tannhäuser“ und traditionell den kompletten „Ring des Nibelungen“ an vier aufeinander folgenden Tagen. Außerdem: einen Klavierabend mit Mélodie Zhao, Dirigent Patrick Hahn mit Eigenkompositionen, den Volksmusik-Papst aus Oberbayern Hans Berger und einen koreanischen Abend mit Beomseok Yi. Im Winter werden neben Puccinis „La Bohème“, Bellinis „La sonnambula“ und Rossinis „L’occasione fa il ladro“ gleich zwei Werke uraufgeführt: zum einen das Musiktheater „Maximilian“ von Angelo di Monegral und zum anderen „Stillhang“ über das Leben von Liesl Karlstadt, komponiert und dirigiert vom jungen Tiroler Christian Spitzenstaetter und unter anderem besetzt mit Isabel Karajan. Die Termine und weitere Infos gibt’s auf der Website der Tiroler Festspiele Erl.

© Ricarda Baldauf
© Xiomara Bender
© Peter Kitzbichler


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