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Von Max Rosenthal, 10.10.2017

Das Auge hört mit

Wer mag es nicht, wenn Liebesmusik „von Herzen“ kommt? In besonders wörtlichem Sinne gilt das für Baude Cordiers Stück „Belle, bonne, sage“ aus dem Codex Chantilly. Hier trifft Komposition auf Bildkunst.

Die beiden oberen Liniensysteme beschreiben zwei Halbkreise, die drei nachfolgenden werden immer kürzer, laufen nach unten hin spitz zu – voilà, ein Herz. Zweifelsohne, das Rondeau 274 „Belle, bonne, sage“ ist eine der ungewöhnlicheren Erscheinungsformen in der Musikgeschichte.

  1. Achtung, Verwechslungsgefahr! Ein Rondeau ist nicht das Gleiche wie ein Rondo, das man aus der Klassik und als Sinfoniesatz kennt. Zumindest haben sie aber gemeinsam, dass Teile wiederholt werden. Beim Rondeau handelt es sich um eine Liedform des frz. Spätmittelalters, die aus A- und B-Teilen besteht. Diese kehren in einer bestimmten Reihenfolge wieder. (MR)

Natürlich geht es in „Belle, bonne, sage“ mal wieder um die Liebe, das fasst die Herzform symbolisch zusammen. Das Sänger-Ich wirbt um eine Angebetete und verspricht ihr ein Liebespfand, nämlich ein Lied, das es in seinem Herzen trägt. Das ist raffiniert doppeldeutig: „In seinem Herzen“ kann ja sowohl das echte Herz des Sängers meinen, als auch das hier gemalte. Um es ganz deutlich zu machen, ist in der Handschrift das Wort „Herz“ durch ein Herz-Symbol ersetzt (dünn und grau, in der zweiten Notenzeile). Und das bedeutet, dass das Lied, um das es geht, jenes Lied sein könnte, das hier gerade gesungen wird. So spielt das Rondeau mit den verschiedenen Bedeutungs-Ebenen und verknüpft Wort, Bild und Musik.

Das herzförmige Stück von Baude Cordier stellt den Höhepunkt einer musikgeschichtlichen Entwicklung um 1400 dar, die als „ars subtilior“ bezeichnet wird, eine Zuspitzung und ultimative Verkünstelung der französischen „ ars nova“ 21 . Die Musik jener Zeit zeichnet sich durch Experimente in Rhythmik, Harmonik und Notation aus, deren Komplexität der Wissenschaft noch heute Probleme bei der Interpretation bereitet.

  1. Motettengesang für Fortgeschrittene: Die Stücke werden vertrackter und mehrstimmiger. Wo bleiben denn da die Emotion und der Ausdruck, fragen die Kritiker. Der große Bruder der ars antiqua kommt trotzdem Mitte des 14. Jahrhunderts stark in Mode. (MH)

Überliefert ist uns das Stück im sogenannten Codex Chantilly, der den Komplexitätskult der „ars subtilior“ dokumentiert. „Belle, bonne, sage“ steht, als Aushängeschild für diese Experimentierfreude, am Anfang der Handschrift, und das eben nicht nur, weil es hübsch anzuschauen ist. Ergänzend dazu steht auf der gegenüberliegenden Seite noch das kanonische ‚Schwesterstück‘ „Tout par compas“, das in Kreisen notiert ist. Geklungen haben könnten die beiden ungefähr so:





Das klangliche Ergebnis lässt leider nichts mehr vom kunstvollen Zusammenspiel der Medien erahnen. Die Bildebene bleibt nur optisch erfassbar, ist „Augenmusik“. Deshalb handelt es sich dabei um einen der wenigen Fälle, in denen Musik durch die Aufführung an Gehalt verliert. Es ist vergeistigte Musik für Intellektuelle, Denker und Tüftler.

Über ein halbes Jahrtausend später, in der Musik der Moderne, gehört es beinahe zur Tagesordnung, wenn Grafik und Notation zusammenfließen, zum Beispiel in Cathy Berberians „Stripsody“ oder György Ligetis „Volumina“. Das liegt jetzt aber daran, dass die Neue Musik versucht, das musikalische Ausdrucksspektrum radikal zu erweitern. Was daraus resultierte, hätte man im 14. Jahrhundert wohl nicht einmal zu träumen gewagt. Denn während man heute die Grenzen der Musik selbst auslotet, ging es den Komponisten der „ars subtilior“ wohl vor allem um eins: die Grenzen ihrer Notation zu testen.


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