Von Malte Hemmerich, 30.09.2017

Er ist wieder da

Letzte Woche erschütterte ein Erdbeben die Republik. Das unerwartete Album eines gefallenen Helden erscheint. Warum ist David Garrett mal wieder erwähnenswert und was hat er nun mit Gustav Mahler gemeinsam?

Können sensible klassische Musiker, die private Enttäuschungen und Schicksalsschläge erleben, wieder vollends auf die Beine kommen? Um wirklich ohne jegliche Einbußen an ihr vormals hohes künstlerisches Niveau anzuknüpfen?
Komponierte Gustav Mahler nach dem Tod seines Kindes immer noch die gleichen lebensfroh-lustigen Volkmusikpassagen? Stemmt Jonas Kaufmann nach seiner Erkrankung und Zwangspause immer noch denselben jugendlich-strahlenden, dann mal wieder etwas engen Heldentenor?
Und: Kann David Garrett nach dem Sex-Skandal des vergangenen Jahres immer noch so sinnlich die Geige rubbeln?

Die Antwort auf die erste Frage ist Auslegungssache, die Zweite wird gerade intensiv diskutiert und die Dritte kann mit einem elektronisch verstärkten und mit dumpfem Schlagzeug unterlegten JA-Ausruf beantwortet werden!

Wie der blonde Recke in einem Interview mit der Berliner Morgenpost kürzlich verrät, hat der die Auszeiten im letzten Jahr vor allem genutzt, um zu üben. Im Fitnessstudio. Damit auf dem Cover seiner neuen Platte auch ja das echte Sixpack zu sehen ist, wie der Interviewer gleich als Antwort auf seine erste Frage erfährt. Seltsamerweise scheinen die schlüpfrigen Vorwürfe von Garretts Exfreundin dem Image des Frauenschwarmgeigers nicht geschadet zu haben. Heute sind alle Verfahren eingestellt, wer wie gelogen hat, war nicht nachzuvollziehen. Die Shows der „Explosiv“-Tournee 2016 fanden alle statt, dazu O-Ton der Tourmanager der Deutschen Entertainment AG: „David ist immer ausverkauft.“
Zu sehr hat der hübsche Violinist wohl seine Fangemeinde in den Bann geschlagen, die verschworene Gemeinschaft mit Bombast-Shows geblendet und mit kreischendem Sound ertauben lassen, als dass sie die allzu elitäre Musikkritik und die Vorwürfe in den Schmuddelzeitungen vernommen hätten.

Es scheint immer so einfach und billig, auf Garrett einzuschlagen, warum also diese mahnende Kolumne? Ganz simpel: Weil die Verleihung des Frankfurter Musikpreises 2017 ihn in die Riege bedeutender Klassikschaffer stellt. Garrett wird vom Betrieb ausgezeichnet und in eine Reihe mit den preisträgern György Ligeti und Peter Eötvös gestellt. Außerdem hat der Geiger alle Jahre wieder gute Chancen, den ECHO Klassik in irgendeiner diffusen Kategorie zu gewinnen und somit auch weiterhin, trotz aller Skandale, das Symbol für hippe Klassik zu bleiben. Dafür sorgen Management und Label, obwohl sich die letzten beiden Alben abseits ihres Titels doch klar von jedem Klassikbezug abwenden – und voll in die Pop-Schiene schlagen.

So wird wohl auch die „Rock Revolution“ wieder die Charts anführen, vielfach verkauft werden, und viele Hits – von der Elektro-Stradivari vibratiert und mit Bandsounds frittiert – werden wieder die Ohrstöpsel einer Fangemeinde füllen. Aufgrund einer großen Marketinglüge werden dann wieder Tausende Tracks wie den folgenden mit Klassik und gutem Geigenspiel assoziieren:



Dass das äußerst gefährlich ist, weil es neues Publikum von vorneherein mit Tracks bedudelt, die nun mit tiefsinniger Musik mit Wiederhörwert wirklich nichts mehr zu tun haben, kann doch niemand mehr ernsthaft bestreiten.
Dieses Aufjaulen einer Katze, der man gehörig auf den Schwanz, und das Röcheln eines Esels, dem man in die Kronjuwelen getreten hat, ist in Wirklichkeit das Instrument des Entertainers, der all die Wut der vergangenen Zeit nun am armen Peter Iljitsch und später in der „Baroque Reinvention“ noch an Johann Sebastian Bach auszulassen scheint. Wer danach neugierig in Tschaikowskis Klavierkonzert hineinhört, wird im günstigsten Fall nur die Beats vermissen. Sollte jemandem dieses Argument immer noch zu elfenbeintürmig erscheinen, so höre er in die anderen Songs des Albums, meist Pop-Romanzen. Diese Arrangements riechen durch die Bank nach Plastik und Synthetik, ihnen fehlen Ausdruck und Herzblut. Ja, hier findet sich noch nicht einmal mehr gutes Handwerk.

Ich finde, ich habe immer einen guten Ruf gehabt. Und ich hoffe, dass das auch immer so bleiben wird.

David Garrett, 2017

©pixabay
©Gallerie auf david-garrett.com


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