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Von Christopher Warmuth, 03.08.2017

Eine Entdeckung

Das Kammermusikfest in Lockenhaus dekliniert die Freunderlwirtschaft durch. Der künstlerische Leiter Nicolas Altstaedt lädt befreundete Musiker ein, die spontan kommen und am Puls der Zeit musizieren. Dieses Jahr war der Star Liza Ferschtman.

Wenn es für mich eine Entdeckung der vergangenen Spielzeit gibt, dann: Liza Ferschtman. Eine unglaubliche Geigerin! Und das ist absurd, weil sie eigentlich schon bekannt ist, nur nicht bei uns in Deutschland. In den Niederlanden kennt sie jeder, der klassische Musik liebt. Sie konzertiert dort mit namenhaften Orchestern und noch namenhafteren Dirigenten. Aber für den hiesigen Betrieb fällt sie in eine Zwischennische. Sie ist zu alt. Jedenfalls nach den kindervermarktenden Regeln des hiesigen Konzertbetriebes. Sie ist siebenunddreißig. Natürlich noch jung. Aber wie würde man sie vermarkten? Wie könnte man dem Publikum erklären, dass man sie leider in den letzten zehn Jahren hier gekonnt ignoriert hat. Das ist nicht ihr Problem, sondern unseres. Wir verpassen nämlich verdammt viel, wenn wir sie weiterhin ignorieren.

niusic: Du hast gestern eine Musikkritik vor dem Konzert gelesen ...

Liza Ferschtman: Ja?!

niusic: Ich dachte, Musiker machen das nicht. Behauptet jedenfalls jeder ...

Ferschtman: So ein Quatsch. Alle Künstler brauchen Bestätigung. Künstler sind immer unsicher.

niusic: Bist du unsicher?

Ferschtman: Ja, schon. Ich kämpfe eigentlich die ganze Zeit mit mir, obwohl ich überzeugt von mir bin. Nur letztendlich hat man immer Angst, dass man nicht gut genug ist.

niusic: Ok. Du liest ohne Hehl Musikkritiken und du zweifelst öffentlich. Das steht angeblich nicht im Musiker-Knigge ...

Ferschtman: (lacht) In Holland bin ich berühmt dafür, dass ich zu ehrlich bin. Ich finde aber, dass man zweifeln muss. Das gehört unabdingbar zur Sache. Wenn ich mir sicher wäre, dann bräuchte ich keine Kunst machen. Ich suche ja keine festen Antworten, sondern will die Fragen genauer stellen können. Und ich bin nicht unsicher auf der Bühne, aber davor und hinterher. Und nur so kann ich besser werden, also rein technisch gesehen und natürlich musikalisch.

niusic: Aber warum kein 9-Stunden-Job, wo du dich wohl fühlst und dich nicht permanent zwingen musst, in einem unsicheren Zustand auf die Bühne zu gehen und dich seelisch auszuziehen?

Ferschtman: Seelenstriptease passt da sehr gut. Es ist lustig, ich habe da heute erst drüber nachgedacht. Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen, und meine große Schwester, die fast zehn Jahre älter ist als ich, hat genau aus diesem Grund die Musik nicht beruflich verfolgt. Sie hatte auf die permanente Kontrollabgabe keine Lust.

niusic: Und du brauchst das?

Ferschtman: Moment. Der Umkehrschluss funktioniert da nicht. Für mich war das nie ein Thema. Mir geht es um die Musik ...

niusic: Na endlich! Da ist das Musikerklischee ...

Ferschtman: Ja. Wirklich. Mir geht es nur um die Liebe zur Musik.

niusic: Klingt nach Rosamunde Pilcher ...

Ferschtman: (lacht) Ich muss mich korrigieren. Mir geht es um die Liebe zur Musik. Und: Ich muss sie vermitteln. Ich habe quasi einen Drang dazu. Es hat bei mir wirklich einen missionarischen Zug. Ich will, dass die Leute das hören, weil es mich ärgert, dass so viele keinen Zugang dazu gefunden haben. Und ich glaube, es liegt wirklich nur am Zugang, nicht an der Sache selbst.

Liza Ferschtman erwischt jeden Zuhörer im Konzert! Mit ihrem Ton, körnig, abgründig und verzehrend, greift sie tief ins musikalische Mark eines jeden Stückes und drängelt sich in jede noch so kleinste Ecke. Und wie gut rau und zart zusammenpasst, das zeigt das Violinkonzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Ganz anders Bélá Bartok, bei dem keiner genau sagen kann, wann ein Ton einzeln erklingt, so vernebelnd schichtet Ferschtman die Töne in- und übereinander. Johann Sebastian Bach katapultiert sie ins einundzwanzigste Jahrhundert. So werden Grenzen zwischen Neu und Alt eliminiert und alles wird jetzt.



niusic: Also, wenn du die Bühne jetzt nicht hättest, aber du auch ohne Publikum von der Sache leben könntest. Würdest du es noch machen?

Ferschtman: Vermutlich schon. Aber es würde mir nicht annähernd so viel Spaß machen. Ich brauche das Publikum. Und jetzt werde ich noch offener. (lacht) Es ist vermutlich eine Melange aus Hedonismus, Altruismus, Egoismus und dem Drang, bewundert zu werden. Aber der Ursprung, diese Gefühle überhaupt auszuleben, ist an die Musik gekoppelt. Achtung: Pilcher-Klischee. Weil ich sie liebe!

niusic: Was ist Musik? Noten, Spiel, Wirkung ...?

Ferschtman: Es sind die Noten vom Komponisten. Der Komponist ist der Geniale, wir Musiker sind nur Vermittler. Und ich muss immer darauf achten, dass ich mich nicht vor die Musik stelle. Das ist ein Balanceakt. Früher habe ich da noch mehr darauf geachtet, da war ich dann fast zu blass und zu sehr im Hintergrund für eine Interpretation.

niusic: Das gefällt mir nicht. Der Musiker als demütiger Helfer ...

Ferschtman: Ich bin Dienstleister für den Komponisten.

niusic: Angenommen das würde stimmen, dann gäbe es eine Wahrheit, die du suchst ...

Ferschtman: Ich habe ja bereits gesagt, dass ich lieber die Fragen genauer setzen will.

niusic: Wenn aber Wolfgang Amadé Mozart seine Violinkonzerte mit dem perfekten Interpreten hätte auf CD aufnehmen können, also mit dem perfekten „Dienstleister“, dann wäre es damit um diese schönen Violinkonzerte geschehen. Dann gäbe es ja eine Wahrheit.

Ferschtman: Ja und Nein. Ich glaube, dass selbst Mozart sein Werk nicht hätte greifen können – auch nicht mit dem „perfekten“ Interpreten. Aber manchmal, und die Wahrscheinlichkeit ist höher, wenn Mozart selbst gewählt hätte, manchmal gibt es doch diese Momente, wo es geniale Stellen von Komponisten gibt, die dann fast von Interpreten gepackt werden. Das passiert ganz selten, dass man das musikalische Genie greifen kann ...



niusic: Ich liebe Mozart. Aber ich will nicht, dass er auf einem kunstreligiösen Sockel steht. Warum kann Mozart nicht so genial sein wie jeder andere Mensch auch? Er war ja nur ein Mensch ...

Ferschtman: Nein, ich bin nicht so genial wie Mozart. Er ist genial, weil er aus „Nichts“ etwas schaffen konnte.

niusic: Aber das machst du doch auch ...

Ferschtman: Nein! Ich brauche die Noten.

niusic: Und Mozart brauchte Stift und Zettel ...

Ferschtman: Das sind die Werkzeuge. Aber es geht um die Aussage. Und ich weiß, dass das auch etwas snobistisch ist. Das verklärt Musik ja zu etwas sehr Elitärem ...

niusic: Snobistisch? Mir tut das eher leid. Das klingt für mich zu sehr danach, dass du dich schon per Definition immer in den harten Kontrast zu den Alleskönnern – den Komponisten – setzt. Die sind alles, ich bin nichts.

Ferschtman: So drastisch ist das nicht. Aber ich suche ständig nach der Verbesserung. Ich bin ja auch immer überzeugt, wenn ich musikalisch etwas mache. Also ich tue das ja nicht einfach so. Ich habe das in unzähligen Proben so oft gespielt, bis ich überzeugt bin, dass es jetzt so gespielt werden muss. Und damit meine ich nicht „technisch“. Es geht eher darum, mehr Momente zu haben, wo ich Dinge greifen kann.

niusic: Das klingt spirituell ...

Ferschtman: (lacht) Stimmt. Musik ist größer als ich.

niusic: Ist es manchmal nicht besser, wenn man nicht aufschaut, sondern auf gleicher Ebene agiert?

Ferschtman: Nein. Ich liebe es, Größeres um mich zu haben.




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Felix Mendelssohn-Bartholdy

Violinkonzert Op. 64

Liza Ferschtman, Het Gelders Orkest, Kees Bakels

Challenge

Liza Ferschtman ist künstlerische Leiterin beim Delft Chamber Music Festival, einem Kammermusikfestival in der Nähe von Amsterdam. In diesem Jahr setzt Ferschtman dort das Festivalthema „Wahrheit“. Auch hier geht es ihr nicht um letztgültige Antworten, in Zeiten von Überforderung, Abschottung, dem Postfaktischen und der Überreizung unseres Lebensalltags ist der Prozess, der vor einer vermeintlichen Wahrheit steht, entscheidend. Ferschtman wurde in den Niederlanden geboren, als Tochter russischer Juden. Im Hause Ferschtman gastierte häufig der Violinist Philipp Hirschhorn, der sie bereits früh beeinflusste. Liza Ferschtman erhielt Unterricht bei Herman Krebbers am Conservatorium van Amsterdam, Ida Kavafian am Curtis Institute of Music in Philadelphia und David Takeno in London. Sie konzertierte mit dem Royal Concertgebouw-Orchester Amsterdam und dem Rotterdams Philharmonisch Orkest. Sie war Solistin beim Orchestre National de Belgique, Yomiuri Nippon Sinfonierorchester, Malaysian Philharmonic Orchestra, Schleswig-Holstein Festival Orchester und bei den Bremer Philharmonikern. 2006 erhielt Liza Ferschtman den Nederlandse Muziekprijs.


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