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Von Malte Hemmerich, 05.08.2017

Selfiewahn im Regenloch

Eindrücke und Gedanken aus Salzburg

Promiglanz: Präsident van der Bellen

Salzburg kann schon ein ziemliches Regenloch sein. Dann sind in der Stadt zur Festspielzeit alle durchsichtigen Regencapes und Schirme ausverkauft: Denn das edle Abendoutfit jedes Konzertgängers soll schließlich trotz des miesen Wetters noch voll zur Geltung kommen. Und so zieht dann eine in Klarsichtfolie gewickelte Menschenmasse Richtung Festspielhäuser, trinkt noch einen Kaffee bei Tomaselli und rempelt sich gegen rücksichtlose Chinesen durch das proppevolle Salzburg. Die Stadt als Bühne, forderten vor gut hundert Jahren die Festspielgründer Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt und dachten dabei an die romantischen Ecken und das besondere Flair der Stadt an der Salzach. Weniger rechneten sie wohl damit, dass man auf dem Weg durch überfüllte Gassen zum Musikerlebnis an hüpfenden Mozartmarionetten, fünfmal den einzig wahren, echten, originalen Mozartkugeln vorbei gehen, und mehrere Male Touristengruppen vor historischen Gebäuden fotografieren soll, bevor man sich noch schnell ein Wasser im „SPAR in Mozarts Geburtshaus“ kauft.

Auch die Salzburger Kühe freuen sich über die Festspiele

Nun gut, aber das Exquisite sind doch immer noch die Kunsterlebnisse, könnte man denken. Das bestätigt sich auch, während man John Eliot Gardiner und seinem genial dargebotenen Monteverdi-Zyklus in der Felsenreitschule lauscht, der tatsächlich aus dem Trubel in einen beinah vorzeitlichen, musikalisch ganz ursprünglichen Moment entführt. Doch an anderer Stelle können Zweifel aufkommen, wenn zum Beispiel Teodor Currentzis ungewöhnlich handzahm eine „Clemenza di Tito“ aufführt, die besonders in der recht einfallslosen Inszenierung von Peter Sellars auch an größeren Stadttheatern passiert hätte sein können. Dann darf man die Frage ans Unterbewusstsein richten:
Ist die Qualität, die große Stars der Szene auf diesem Klassik-Olymp in Österreich produzieren, wirklich immer so außergewöhnlich viel besser als das, was man im normalen Jahresbetrieb zu sehen und zu hören bekommt? Oder redet man sich nicht auch viel schön, sobald man als Zuschauer in diesen historischen, geschmackvoll hergerichteten Orten auf überteuerten Sitzen Platz nimmt?

Sonne gab es beim Eröffnungs-Schaulaufen

Ein Blick in die durchweg verzückten Publikumsgesichter scheint das zu bestätigten. So trägt eine Dame zum Designerkleid schlichte silbrig-weiße Ohrringe, die sich beim genauen Hinschauen als halbe Lage Schmerztabletten erweisen, immer griffbereit.
Zum traditionellen Jedermann werden selbst kleinste Kinder und unansehnlichste Besucher in Trachten gezwängt, auch wenn die Glanzveranstaltung dadurch, zumindest für die Augen des noch unerfahrenen Besuchers, den faden Beigeschmack eines hinterwäldlerischen Volksfestes bekommt. Und das eigentlich Wichtige kommt nach dem Kulturgenuss: Da schaut man in die Festspielausgabe des Restaurant-Führers Falstaff und bekommt von Anna Netrebko und Markus Hinterhäuser die besten Lokale der Stadt angepriesen: Das Essen dort sei "ganz große Oper". In den ausgewiesenen Künstlerkneipen hat der eingetrachtete Besucher dann prompt die Chance auf ein Selfie mit den berühmten Protagonisten der Festspiele, die ein bisschen gequält von ihrem Wein aufschauen. Der Beweis für die soziale Internet-Ewigkeit: Ich war da, ich bin mit auf diesem Pflaster, das die Welt bedeutet.
Wer braucht also noch die hübsche volle Altstadt und die bejubelten Aufführungen: Mittlerweile ist das Salzburger Publikum ja selbst zur Bühne geworden – und zuweilen sogar die interessantere.

© Malte Hemmerich


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