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Von Christopher Warmuth, 12.05.2017

Maximalste Spannweite

Diese Einspielung ist brütend heiß! Javier Perianes hat zweimal Schubert aufgenommen, zweimal völlig unterschiedlich. Die einzige Gemeinsamkeit: seine Liebe zur Unendlichkeit.

Der Mythos ist so zuverlässig wie der Mensch an sich. In der Musik, durch ihre Unfasslichkeit einem besonderen Nährboden für das Mythische, werden die letzten Werke eines Komponisten meist schon kurz nach dessen Tod mit einem Mythenschleier belegt, der häufig einem Fluch ähnelt. So werden diese Werke als Vorahnung des Sterbens gedeutet, als künstlerische Verarbeitung dessen, was uns alle eint: des Todes. Als Schwanengesang wird dieses Letztendliche betitelt, was kurz vor dem Tod gesprochen, geschrieben, gesungen oder sonst wie geäußert wird. Franz Schuberts Schwanengesang ist die Klaviersonate B-Dur D.960, die gerade von Javier Perianes zusammen mit der Sonate A-Dur D.664 eingespielt wurde.

Und Schubert musste von seinem nahenden Tod wissen, sein promiskuitiver Lebensstil hatte eine Syphilis-Infizierung zur Folge, deren Symptome er bereits sechs Jahre vor seinem Tod erkannte, was bis heute die ärztliche Fachwelt beschäftigt. Und dieser Triller, der nach nur ein paar Sekunden diese brütende Schönheit unterbricht, klingt wahrhaftig wie das grollende Unheil aus der Tiefe!



Das Düstere bleibt hypnotisch, wird nicht patzig, und so zieht der Pianist Perianes uns in einen betörenden Bann, gemeinsam mit Schubert.

Schwerfällig, aber wieder aufgerappelt fährt er nahtlos fort, mit riesenhaften Linien, die sich mehr und mehr in gehämmerte Akkorde und strahlende Harmonien steigern! Javier Perianes zögert den Ausbruch maximal hinaus, er hält die Siedetemperatur des Kochtopfes gerade so hoch, dass nichts überschäumt. Das macht einen genial verrückt! Im ausgedehnten ersten Satz, bei dem man hymnisch mit einstimmen will, klingt Perianes so, als wolle er uns auf die dunkle Seite ziehen, aber bei ihm ist sie strahlend hell und brütend warm. Sein überrunder Klang will uns umhüllen, vernebeln und vielleicht auch ersticken. Das kann niemand sagen. Das Düstere bleibt hypnotisch, wird nicht patzig, und so zieht Perianes uns in einen betörenden Bann, gemeinsam mit Schubert. Das ist vielleicht nicht radikal modern gedacht, sondern frönt der Ästhetik der reinsten Romantik, was es nun mal ist, aber so natürlich, so unaufdringlich, dass man ihn dafür lieben muss.



Luftiger und leichter nimmt Perianes die Sonate D.664. Das dreisätzige Werk, das Schubert neun Jahre vor seinem Tod erschuf, klingt nicht weniger exzessiv, nur eben in die entgegengesetzte Richtung. Überdrehte Tanzrhythmen sticheln sich selbst auf, wirbeln durch die Sätze, als gehe es um alles. Man mag gar nicht glauben, dass Perianes das auf dem gleichen Flügel eingespielt hat, so irisierend huscht er über die Klaviatur. Größer könnte der Kontrast nicht sein, einzig die Phrasen, die kein Ende nehmen wollen, haben beide Interpretationen gemein. Wir sind gespannt, ob das auch zum nächsten Werk passen wird. Diesmal hat es funktioniert. Sehr gut.




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