Startseite / Verspielt / Kommentierte Medien

Von Robert Colonius, 16.05.2017

Waldstein in Trümmern

Nichts ist heilig, schon gar nicht in der Kunst: Mauricio Kagels Collagenfilm „Ludwig van“ entstand 1970 und galt schon damals als skandalös, respektlos und im Grunde unerträglich. Dabei war er eigentlich als Hommage gedacht.

Eine Kreatur im Abendkleid erscheint hinter dem Vorhang und betritt die Bühne. Es ist eine der skurrilsten Szenen im Film „Ludwig van“, in dem sich der Komponist und Regisseur Mauricio Kagel mit Beethoven und seiner Rezeption auseinandersetzte. Ein Maskengesicht, entstellt, mit wallender, weißer Mähne, mit der im Laufe des Auftritts noch etwas passieren wird. Majestätisch schreitet dieses Ungetüm voran, eine leichte Verbeugung zum Publikum, dann setzt es sich an den Flügel und spielt die „Waldstein“-Sonate Beethovens. Oder so ähnlich. Joachim Kaiser beschrieb das einmal so: „Doofes Achtel-Getrappel zu Beginn, dann eine schwachsinnig schleppende Überleitung, schließlich sirup-süß das E-Dur Seitenthema als kitschig ausgeleierter Choral.“
Wenn’s das nur wäre!

Die Haare der Pianistin wachsen ins Unermessliche, sie überwuchern den gesamten Flügel.

Waldstein, Waldschwein, Spaltwein ...

Von der ursprünglichen Sonate bleibt kaum etwas übrig. Der „ausgeleierte Choral“ ertönt nicht nur im Klavier, sondern auch von einem unsichtbaren Schulorchester. Kein Ton trifft, alles zerfällt, bevor das Anfangsthema wiederkehrt, mit hinzukomponierten, Strawinski-artigen Akzenten. Jetzt zeigen Röntgenaufnahmen das Skelett der Pianistin beim Spielen. Wieder ein bisschen Seitenthema, dann erneut die Achtel des Anfangs. Doch dieses Mal kommt die Musik nicht von der Stelle. Immer die gleichen Akkorde, willkürliche Akzente. Dafür wachsen die Haare der Pianistin ins Unermessliche, sie überwuchern den gesamten Flügel. Die letzte Minute des Ausschnitts schießt dabei aber den Vogel ab und hat Slapstick-Niveau à la „Die nackte Kanone“.

Was soll das Ganze?

Kagels Werk ist sicherlich Provokation, Perversion und Kritik, allerdings nicht an Beethoven – eher an den Interpreten und der fast besinnungslosen Rezeption zur Entstehungszeit dieses Films. Beethoven wurde zum Heiligen stilisiert und ebenso pathetisch wie weltfremd gespielt. In besagter Szene verdeckt die wachsende Künstlermähne nicht nur den Flügel, sondern auch die Musik. Und das verbissene Akkordhämmern am Ende zertrümmert wirklich alles. Dass bei Kagel besonders die Pianistin Elly Ney ihr Fett weg kriegt, lag sicherlich nicht nur an ihrem Spiel, sondern auch an ihrer vieldiskutierten Sympathie für den Nationalsozialismus. Sie starb zwei Jahre vor der „Ludwig van“-Premiere 1970 im WDR. Was sie wohl zu ihrem „Porträt“ gesagt hätte?



Und für alle, die sich den ganzen Film antun möchten:




    NIUSletter

    Bleibt auf dem Laufenden und meldet Euch bei unserem NIUSletter an.