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Von Anna Vogt, 09.05.2017

Wahrheit oder Pflicht?

An der Deutschen Oper Berlin seziert Christian Spuck in seiner Inszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“ die Liebe – oder das, was die Protagonisten dafür halten. Ein Schauermärchen über Gefühle.

Es gibt nur Verlierer in diesem Stück. Wagners „Fliegender Holländer“ gibt sich als romantische Oper über die Liebe, aber eigentlich handelt es sich um eine Parabel über Egoismus und Narzissmus. Eine Geistergeschichte trifft hier auf das Seefahrer-Milieu Norwegens: Im Zentrum steht die Sage vom ruhelosen Holländer, der dazu verdammt ist, auf ewig mit seinem Schiff durch die Meere zu kreuzen. Alle sieben Jahre nur darf er an Land und versuchen, die eine Frau zu finden, die ihm auf ewig treu ist und ihn so – das ist der teuflische Deal – von seinem Schicksal erlösen wird, ihn wieder sterblich macht. Als es mal wieder soweit ist, meint der Verzweifelte in Senta seine Heilsbringerin gefunden zu haben. Der Vater ist angesichts der reichen Beute-Schätze des Holländers schnell überzeugt. Und Senta selbst, welch Zufall, kennt die alte Sage um den Holländer und trägt verzückt sein Bild mit sich herum, will ihn erretten von seinem bösen Schicksal, als Märtyrerin, als Heldin. Da haben sich zwei gefunden!

Senta lässt Erik wie ein Hündchen um ihre Liebe betteln und ersticht sich doch zuletzt mit seinem Messer.

Doch Liebe ist es nicht, was sie verbindet, sondern der Eigennutz des Holländers und Sentas tragisches Selbstbild, über das sie ihren Lebenssinn definiert. Regisseur Christian Spuck arbeitet die Motivationen und Gefühle, vor allem auch die Abgründe der Protagonisten gnadenlos heraus. In seiner düsteren Inszenierung, die am 7. Mai in der Deutschen Oper Berlin Premiere hatte, gibt es nur einen einzigen aufrichtig, im romantischen Sinne Liebenden: Sentas glühenden und zunehmend verzweifelten Verehrer Erik (Thomas Blondelle).
Er ist ein biederer, gutherziger Jäger, den die blonde Seefahrertochter (herausragend gespielt und gesungen von Ingela Brimberg) eiskalt abblitzen lässt. Wie ein Hündchen lässt sie ihn um ihre Liebe betteln und ersticht sich doch zuletzt mit seinem Jagdmesser, um ihrer selbstauferlegten „Pflicht“ dem Holländer gegenüber, der Treue bis in den Tod, nachzukommen. Schon in der Ouvertüre sitzt der schlaksige Erik daher unglücklich mit einem Spzielzeugschiff auf dunkler Bühne, während hinten der Regen prasselt. Das Schiff schmettert er schließlich wütend gegen die Wand, wo es genauso zerscheppert wie seine zurückgewiesene Liebe, an die er sich in der Rückblende erinnert. So begleitet Erik mal resigniert, mal wütend vom Bühnenrand aus das Geschehen, als Beobachter seines eigenen Alptraums, ein Häufchen Elend. Denn Senta opfert bedenkenlos die Wahrheit der real existierenden, der lebbaren Liebe für ihre Vision des Märtyrertums. Koste es, was es wolle.

Dass Christian Spuck sich als Tänzer und Choreograf (Der „Fliegende Holländer“ ist seine sechste Opern-Produktion) darauf versteht, mit Körpern und Menschenmassen umzugehen, kommt besonders dem dritten Aufzug zugute, als die Matrosen und ihre Frauen in virtuos gestalteten Massen-Tableau bedrohliche Energien entwickeln. Jede Bewegung ist hier aus der Handlung und dem Text begründet, ist motiviert, aber nicht übertrieben, und verstärkt so die dichte, emotionsreiche Musik Wagners.
Dieser einfachen, aber effektvollen Ästhetik ist auch das Bühnenbild von Rufus Didwiszus verpflichtet: Während der erste Aufzug in einem wolkenverhangenen, düsteren Niemandsland gespielt wird, einem unwirklichen Zwischenreich, das, halb vom Regen geflutet, mit seinem Plätschern einen wirkungsvollen Kontrapunkt zu Wagners Orchestermusik bildet, wird im 2. Aufzug eine Art Baldachin aufgespannt. Hier haben die Frauen ihre geschützte, aber nicht gerade luxuriöse Heimat und nähen fröhlich Kleider. Zuletzt, im 3. Aufzug, steht das Bühnenbild mit einem riesigen, stilisierten schwarzen Segel wieder im Zeichen des Aufbruchs – und des Todes.

In diesem bedrückenden Setting sind es vor allem Senta und Erik, die einem in ihrer Gefühlsintensität, aber auch in ihrer Fremdheit zueinander nahe gehen, während Sentas Vater Daland (Tobias Kehrer) und der Holländer (Samuel Youn) starr und geisterhaft bleiben. GMD Donald Runnicles lässt das Orchester der Deutschen Oper dazu aufpeitschen und toben oder säuseln und schmeicheln und findet auch mit dem insgesamt hervorragenden Ensemble und dem riesig besetzten Chor zu einer stimmigen, mitreißenden Synthese. Musik-Theater im besten Sinne.

Der „Fliegende Holländer“ von Richard Wagner läuft noch bis 10. Juni an der Deutschen Oper Berlin. Die Regie führt Christian Spuck, die musikalische Leitung hat Donald Runnicles.


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